Zukunft der CPS-Forschung: Neue Perspektiven und Methoden (mein Vermächtnis)

Am beginnenden Ende meines akademischen Lebens habe ich mir – wie vermutlich viele andere vor mir – die Frage gestellt: Was bleibt? Wofür das alles? Gibt es ein Vermächtnis, eine „Legacy“? Eine Zwischenbilanz nach 20 Jahren Heidelberg habe ich in einem Blogbeitrag von 2017 geschrieben (ich wurde 1997 nach HD auf die Groeben-Nachfolge berufen). Aber das reicht natürlich nicht für ein akademisches Vermächtnis. Es fehlt der Blick in die Glaskugel verbunden mit einer Wunschliste.

Auf dem Wiener Kongress der DGPs im Jahr 2024 habe ich in meinem wohl letzten Vortrag versucht, eine Bilanz der letzten Forschungsjahrzehnte zu ziehen. Weil die Zahl der Zuhörenden nicht sehr groß war („unter 100“ – ein Zitat aus einem meiner Lieblingsfilme, The Ballad of Wallis Island, als Code für eine ziemlich private Audienz), dachte ich schon damals darüber nach, meine Gedanken über den Zustand meines Fachgebiets und dessen mögliche Zukunft aufzuschreiben und zu veröffentlichen. Das ist jetzt geschehen.

Unter dem Titel „Complex Problem Solving: Origins, Current Status, and Future Directions“ ist eine längere Fassung meines damaligen Vortrags erschienen. Hier die Zusammenfassung des englischen Beitrags auf Deutsch:

Die Forschung zur Lösung komplexer Probleme (complex problem solving, CPS) hat seit ihren Anfängen in den 1970er Jahren durch die Einführung computergestützter Szenarien erhebliche Fortschritte gemacht. Dennoch steht das Fachgebiet nach wie vor vor drei miteinander verbundenen Herausforderungen: dem Fehlen einer einheitlichen Theorie, unzureichender Reproduzierbarkeit und Zweifeln an der ökologischen Validität. Gleichzeitig erfordern globale Herausforderungen (wicked problems) wie Klimawandel, Ressourcenknappheit und Migration eine Neuausrichtung der CPS-Forschung. Zukünftige Arbeiten müssen stärkere theoretische Rahmenbedingungen entwickeln, interdisziplinäre Perspektiven integrieren und vielfältige Methoden anwenden, die Laborkontrolle mit Praxisrelevanz verbinden. Nur durch den Übergang von methodologischer Selbstreflexion zu umsetzbaren Theorien kann die CPS-Forschung ihr volles Potenzial zur Bewältigung der großen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts entfalten.
Übersetzt mit DeepL.com (kostenlose Version)

Natürlich gab es nur ein Outlet, das für meine abschließenden Bemerkungen in Frage kam: Das von mir mitbegründete „Journal of Dynamic Decision Making“ (JDDM; siehe meinen Blogbeitrag zum 10-jährigen Jubiläum des Journals). Kann dort ein neutrales peer reviewing gelingen? Obwohl ich alle Angaben zu mir als Autor verblindet habe, merkt man meine Handschrift natürlich am Tenor des Gesagten … Dennoch fand ein ordentliches Peer-Review statt, mit kritischen Kommentaren und notwendigen Revisionen also (hier gibt es das fertige PDF).

Was ich mir für die zukünftige Forschung wünsche:

  1. Rückkehr zu echter Komplexität:
    Das ist die Kernforderung. Systeme mit 3-5 linearen Variablen sollten nicht länger als CPS-Forschung gelten. Gefordert werden: nichtlineare Systeme, Rückkopplungsschleifen, echte Intransparenz, polytele Zielstrukturen. Das bedeutet praktisch: aufwändigere, schwerer standardisierbare Szenarien.
  2. Methodenvielfalt statt Monoparadigmata:
    Ich denke dabei an folgende Methoden: Lautdenken-Protokolle, Introspektion, historische Fallstudien (z.B. Hitlers Entscheidungsstil-Analyse; siehe Dörner & Güss, 2011, https://journals.sagepub.com/doi/10.1037/a0022375), politische Entscheidungsforschung, Live-Streaming als Datenquelle (Alexander Wendt). Das ist ein klarer Angriff auf die Dominanz des psychometrischen Testparadigmas.
  3. Prozess statt Ergebnis messen:
    CPS-Kompetenz sollte nicht nur am Outcome gemessen werden, sondern am Lösungsweg – inklusive Umwege und Fehler. Das erfordert formative statt summative Bewertungsansätze.
  4. Emotion und Motivation integrieren:
    Wie wir spätestens seit Dörner, Reither & Stäudel (1983) oder Dörner (1985) wissen: CPS ist kein rein kognitiver Prozess. Zukünftige Forschung muss das Zusammenspiel von Kognition, Emotion und Motivation systematisch untersuchen, besonders unter Stressbedingungen oder in Krisensituationen.
  5. Den „Möglichkeitssinn“ erforschen:
    Psychologie sollte (ganz generell) untersuchen, wie Menschen unbekannte Realitäten konstruieren (z. B. Nährer 1988, Problemkonstruieren statt Problemlösen – nicht nur, wie sie innerhalb bekannter und vorgegebener Regelwerke schlussfolgern. Derzeit gibt es dafür kaum Methoden oder Paradigmen.
  6. Populationsspezifität klären:
    Theorien sollen explizit angeben, für wen sie gelten – Experten oder Laien, Erwachsene oder Adoleszente, welche Kulturen (das WEIRD-Argument: subjects from western, educated, industrialized, rich, democratic societies; vgl. Henrich et al., 2010). Die Befunde aus verschiedenen Gruppen sind zu unterschiedlich für universelle Aussagen.

Was das impliziert: Das psychometrische Programm (MicroDYN, COMPRO, PISA-CPS) hat durch Vereinfachung Skalierbarkeit und Reliabilität gewonnen, aber die Konstruktvalidität weitgehend geopfert. Zukünftige Forschung, die beides will – Validität und Messbarkeit – steht vor einem echten Dilemma, für das ich leider keine Lösung anbieten kann. Ich benenne zwar Probleme, löse sie aber nicht. Eine Aufgabe für die kommende Generation?

Quellen:

Dörner, D. (1985). Verhalten, Denken und Emotionen. In L. H. Eckensberger & E. D. Lantermann (Eds.), Emotion und Reflexivität (pp. 157–181). Urban & Schwarzenberg.

Dörner, D., & Güss, C. D. (2011). A psychological analysis of Adolf Hitler’s decision making as commander in chief: Summa confidentia et nimius metus. Review of General Psychology, 15(1), 37–49. https://doi.org/10.1037/a0022375

Dörner, D., Reither, F., & Stäudel, T. (1983). Emotion und problemlösendes Denken. In H. Mandl & G. L. Huber (Eds.), Emotion und Kognition (pp. 61–81). Urban & Schwarzenberg.

Funke, J. (2026). Complex problem solving: Origins, current status, future directions. Journal of Dynamic Decision Making, 12(2), 1–9. https://doi.org/0.11588/jddm.2026.1.113745

Henrich, J., Heine, S. J., & Norenzayan, A. (2010). The weirdest people in the world? Behavioral and Brain Sciences, 33(2–3), 61–83. https://doi.org/10.1017/S0140525X0999152X

Nährer, W. (1988). Problemkonstruieren statt Problemlösen. Zeitschrift für Experimentelle und Angewandte Psychologie, 35, 441–450.

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