Des Menschen Würde

JF: Der am 24.2.22 begonnene Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine hat unser Jahrbuch-Thema „Krieg, Konflikt und Solidarität“ (und auch mein Kapitel darin) natürlich bedingt. Mir war der Zusatz „Solidarität“ im Buchtitel wichtig, zeigt dieses Attribut doch auch eine positive Seite im Vergleich zur negativen Seite der menschlichen Aggression. Mein eigenes Kapitel musste sich dem Thema natürlich aus der Perspektive des Problemlösens widmen.

JF: Mich bedrückt und entsetzt die tägliche Nachrichtenlage einerseits, andererseits sehe ich zahlreiche diplomatische und politische Lösungsversuche, die mir gefallen und in die ich Hoffnung investiere. Ich allein kann die Krisen der Welt nicht verändern, aber ich kann in meinem kleinen Wirkungskreis dafür sorgen, dass Konflikte nicht hochkochen und gute Umgangsformen gewahrt werden. Ansonsten versuche ich so gut es geht „mein Ding zu machen“, also meine Aufgaben zu erledigen – es hilft ja nichts sich zu verweigern. Es soll ja sogar ein neues Störungsbild geben namens „News Fatigue“ (Nachrichtenmüdigkeit) – daran leide ich nicht. Es hilft nicht, die Augen zuzumachen, das hat schon als Kind beim Verstecken nicht geholfen.

JF: Ja, es ist eine Strategie und Schutzmassnahme, die Personen wählen, die sich aber als Fehlschluss herausstellt. Der Glaube des Kindes, mit geschlossenen Augen sähe ein anderer auch einen selbst nicht mehr, ist schlussendlich eine Illusion. Eine Illusion, die im ersten Moment aber auch sinnvoll sein kann und als Selbstschutz dient, um sich vor den schweren Konsequenzen und vielleicht überwältigenden Emotionen zu schützen. Im ersten Moment funktioniert das, im zweiten wird es aber schwierig, denn wenn alle Menschen diese Methode nutzen, würden die Probleme der Welt ignoriert werden und sich immer weiter verschlimmern.

JF: Ja, das passt gut!

JF: Der jetzt seit dem Überfall der Hamas am 7.10.2023 aktuelle Krieg zwischen Israelis und Palästinensern hat eine lange Vorgeschichte und viele gescheiterte Lösungsversuche. Von daher ist klar, dass hier kein einfaches Problem vorliegt. Die Kriterien eines komplexen Problems (Komplexität, Vernetztheit, Intransparenz, Dynamik, und Vielzieligkeit) passen hervorragend auf die aktuelle Situation. Diese Anwendung passt also hervorragend.

JF: Dem kann ich nur zustimmen.

JF: Die Liste der Fehler beim komplexen Problemlösen gemäss Dörner und Güss (2022) soll uns daran erinnern, dass Fehler in Verhandlungen fast unvermeidlich sind. Genauso, wie wir verschiedenen Biases unterliegen, machen wir auch beim Lösen komplexer Probleme immer wieder ähnliche Fehler. Die Hoffnung ist natürlich, dass bei Kenntnis der entsprechenden Fehlermöglichkeiten diese vermieden werden können – vermutlich eine Illusion. Was mir gut gefallen hat, ist das Phasenmodell der Verhandlungsführung von Hüffmeier und Hertel (2012).

JF: Wir sind in diesem Fall ja keine Verhandlungspartner, sondern eher Zuschauer, Konfliktlöser. Eine BATNA zu generieren ist eine Aufgabe der beteiligten Parteien. Das wäre schonmal ein erster Schritt, um in eine Verhandlung zu treten. Aber an diesem Punkt sind wir wohl noch nicht. Die Parteien scheinen sich auch über die mindesten Forderungen und die im geringsten Fall akzeptierbare Lösung noch keinen Gedanken gemacht zu haben.

JF: Wenn es so einfach wäre und ich eine Lösung hätte, säße ich nicht mehr hier. Viele Köche haben schon versucht, den Brei verträglich zu machen und sind gescheitert. Ich schreibe meine Ideen auf, vielleicht bewirkt das ja etwas Positives. so wie dieses Interview hier.

JF: Unbedingt!

JF: Rache bedeutet, einen Ausgleich zu fordern für ein vorher erlittenes Unrecht. Rache ist ein zutiefst menschliches Gefühl (kennen Tiere eigentlich Rache?). Schon in der Bibel heißt es „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Aber die Geschichte der Zivilisation ist auch eine Geschichte der Unrechtbewältigung und Konfliktlösung mittels anderer Methoden als der Gewalt.

JF: Danke für die Recherchen! Wir sollten uns allerdings fragen, ob das bei Schimpansen dokumentierte Verhalten mit unserem menschlichen Erleben vergleichbar ist. Sie sind da ja auch skeptisch. Thomas Nagel hat in einem berühmt gewordenen Aufsatz von 1974 die Frage gestellt (und beantwortet): „Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?“ – wir werden es nie wissen…

JF: Bei Verstößen gegen die Menschlichkeit hört für mich die Neutralität auf – Unrecht muss man anprangern! Neutrales Schweigen hilft nicht. Das bedeutet nicht zwangsläufig, sich auf eine der beiden Seiten zu stellen. Ich denke, man muss sich auf die Seite der Menschlichkeit stellen. Deswegen blogge ich auch gerne und bin ein Freund des „investigativen Journalismus“, der mir für eine Demokratie lebenswichtig erscheint. Transparenz herzustellen ist eine wichtige Aufgabe für die Wissenschaft – wir nennen das „kritisches Denken“, sich nichts vormachen zu lassen.

JF: Eigentlich nicht – Ich habe schon immer versucht, meine Meinung zu äußern. Als junger Student wurde ich aus der Schweiz ausgewiesen (ich habe in Basel studiert, da ich in Deutschland wegen schlechtem Abi-Schnitt keinen Studienplatz bekam), weil ich mich in inner-kantonale Angelegenheiten (die Besetzung des langjährig vakanten Lehrstuhls von Hans Kunz) eingemischt hätte und das als Ausländer nicht durfte. Es hat mir offensichtlich nicht geschadet. Auch als Sprecher im Akademischen Senat unserer Uni von 2010 bis 2019 habe ich mir manchmal die Finger verbrannt. Die Verweigerung einer Senior-Professur durch den alten Rektor war ein Preis, den ich zahlen musste. Auch das hat mir letztendlich nicht geschadet.

JF: Prima!

JF: Wichtig ist für mich: Respekt voreinander, Toleranz und gegenseitige Wertschätzung – wir sind alle Menschen und sollten alle mit Würde behandelt werden! Ich bin ein Fan der universellen Menschenrechte! Freiheit ist Freiheit der Andersdenkenden (so Rosa Luxemburg). Bei mir im Rheinland heißt es: „jeder Jeck ist anders“. Das finde ich ein ganz schönes Lebensmotto. Und an der Universität sollten wir allesamt „Wahrheitssuchende“ (so Karl Jaspers) sein, unabhängig von unserer Religion, Herkunft oder Weltanschauung. An diesem Ideal sollten wir uns orientieren. – Apropos Würde: Wir finden übrigens auch tolle Ideen im Grundgesetz, Artikel 1 (ich bin ja schon immer ein Fan des Grudgesetzes gewesen): “Die Würde des Menschen ist unantastbar”. Dieser Paragraph ist direkt nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden und sollte die Menschen daran erinnern, dass so etwas (der Holocaust) nie wieder passieren darf. Die Würde jedes Menschen, egal welcher Religion oder Nationalität, ist unantastbar. Ein Motto, dass wieder mehr gelebt werden darf. Und es heisst explizit Würde, aber nicht Wert (Stichwort „unwertes Leben“)! Um es ganz klar zu sagen: Antisemitismus hat an unserer Hochschule nichts verloren!

JF: Ich bedanke mich für das Gespräch und wünsche uns eine friedlichere Zeit!

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