Kritik ist ein wesentlicher Bestandteil der Wissenschaft. Ich liebe Kritik. Eine Person, mit der ich seit fast 50 Jahren streite, ist Dietrich Dörner. Der Ordner mit unserer Korrespondenz quillt über. Trotzdem haben wir es 2017 geschafft, einen gemeinsamen Beitrag zu verfassen. Noch in seiner Dankesrede zum Erwerb der Ehrendoktorwürde unserer Fakultät im Jahr 2016 sprach Dietrich Dörner von mir als seinem „ältesten Feind“. Das war natürlich scherzhaft gemeint! Aber wir streiten auch heute noch …
Kürzlich habe ich ihn mit einer kritischen Rezension zum neuen Buch von Dörner, Güss und Lutsevich (2026) provoziert zu einer Stellungnahme, die mit Einverständnis des Autors hier veröffentlicht wird:
„Der Krieg der Mäuse: Funkes Kritik
Funke meinte, dass der „wunde Punkt“ des Buches in einer durchgängigen Inkonsistenz zwischen Anspruch und Einlösung besteht. Er schreibt: „Kapitel 1 verwirft die empirisch-experimentelle Psychologie pauschal („Theorunkulose“). Funke hat recht, genau das, die Abschaffung der empirisch-experimentellen Psychologie ist die Intention! Aber: Funke verschweigt, dass der Begriff „Theorunkulose“ von dem englischen Wissenschaftstheoretiker Braithwaite stammt und schon – als Begriff und Vorwurf – so an die 60 Jahre alt ist. Bislang hat die Psychologie auf Braithwaite‘s Vorwurf nicht reagiert. Man kann leicht feststellen, dass die aktuelle Psychologie in hohem Maße immer noch aus der Bildung und Ansammlung von Kleintheorien (= Theorunkeln) besteht, dass also der Vorwurf von Braithwaite immer noch berechtigt ist.
Funke meint dann, dass das „eigene Modell“ im Kapitel 2 dem „selbst gesetzten“ Maßstab nicht genügt. Wieso nicht? Das Kapitel 2 umfasst über 100 Seiten und enthält mehrere Modelle für menschliche Seelenprozesse. Es bleibt bei Funke völlig unklar, was er eigentlich meint, wenn er schreibt, dass das eigene Modell „den Ansprüchen nicht gerecht wird“. Der „Motivselektor“ erfüllt seine Aufgabe vortrefflich! Das lässt sich im Kapitel 3 nachlesen.
Funke meint, dass die Ähnlichkeit zwischen simuliertem und menschlichem Fehlverhalten als Validitätsbeleg gewertet wird, ohne dass eine unabhängige Vorhersage vor der Beobachtung erfolgt wäre. Das ist falsch, da wir den Motivselektor mit der Absicht entworfen haben, dass sein Verhalten menschlichem Verhalten entspricht. Das ist die unabhängige Vorhersage! Diese Vorhersage erweist sich als im Kern richtig, wie es im Kapitel 3 gezeigt wird!
Es geht uns überhaupt gar nicht um Fehlverhalten, es geht darum, dass die Motivselektion funktioniert. Das aber tut sie in hervorragender Weise, wie es im Kapitel 3 geschildert wird. Von „Fehlverhalten“ ist im Kapitel 2 überhaupt nicht die Rede und ein Fehlverhalten des Motivselektors liegt auch nicht vor! Wir haben versucht, die Auswahl von jeweils aktuellen Motiven und auch den Wechsel der Motive als Algorithmus darzustellen und das ist uns auch gelungen. – Dass es sich ergab, dass der Motivselektor „anatomisch“ der thalamisch-hypothalamischen Funktion der Motivselektion gut entspricht, haben wir mit Freude festgestellt. Was daran zu bemängeln ist, weiß ich nicht. – Wir hätten keine unabhängige Vorhersage gemacht, meint Funke. Das stimmt nicht; natürlich haben wir eine „unabhängige Vorhersage“ vorgenommen; wir haben ja den Motivselektor als Darstellung der Motivauswahl eines lebenden Wesens, geplant und konstruiert. Das war unsere Absicht. Und diese Absicht enthält die Vorhersage. Dass der Motivselektor hervorragend funktioniert, sieht man im Kapitel 3! Hier gibt es keine „Inkonsistenz von Anspruch und Einlösung“, wie Funke meint. Oder?
Funke behauptet, dass man die Evolution der Mäuse, so wie sie im Kapitel 3 dargestellt wird, sehr einfach dadurch erreichen konnte, dass man die 50 Parameter, also die Gene, so zusammenstellt, dass die entsprechende Entwicklung sich daraus ergibt. Und mit 50 Elementen kann man so gut wie alle Entwicklungen, die man haben möchte, erzeugen.
Das ist falsch!
Unsere Mäuse haben im Moment 50 Gene, das sind wenige im Vergleich mit den Menschen, Menschen haben etwa 19.000 Gene. Und auch mit deren Kombination und Rekombination lässt sich nicht „alles“ herstellen. Es scheint zum Beispiel ziemlich schwer zu sein, die Menschen mit Flügeln zu versehen.
Im Kapitel 3 wird geschildert, wie sich die Mäuse im Laufe der Zeit verändern und immer „besser“ werden. Das haben aber nicht wir gemacht, sondern das hat sich ergeben. Es gibt bei uns, genau wie bei den Menschen und bei allen anderen Tieren, die Möglichkeit, dass sich die Gene „zufällig“ verändern (= Mutation). So entstehen also junge Mäuse, die genetisch anders sind als ihre Eltern. Sie übernehmen eben die Gene ihrer Eltern, je nachdem von Mutter oder von Vater, das ist dem Zufall überlassen. Und die Mutation ist von zentraler Wichtigkeit; deshalb gibt es – wenn man so will – die sexuelle Fortpflanzung. Und so entstehen eben junge Mäuse, die genetisch anders sind als Vater und Mutter. Das wird von uns nicht gesteuert!
Es kommt dann auf die Beschaffenheit der „neuen“ Gene an. Meist sind die „neuen“ Gene „bionegativ“, die jungen Mäuse sterben dann schnell und kommen gar nicht zur Fortpflanzung. Bei manchen Mäusen aber ergibt es sich, dass die geänderten Gene Vorteile mit sich bringen. Man kann das im Kapitel 3 nachlesen. So entstehen neue Rassen und es entstehen nur solche Rassen, die an die Umweltverhältnisse besser angepasst sind als die Eltern. Und so entwickeln sich die Mäuse fort. Im Gegensatz zu der Behauptung von Funke wird von uns hier gar nichts gesteuert.
Für uns ist die Tatsache, dass die Mäuse sich durch die Entwicklung neuer Rassen fortentwickeln, ein Beleg für die Gültigkeit unserer Theorie. Die spezifische Entwicklung, die sich ereignet und die besonders auch die Veränderung der sozialen Verhaltensweisen mit sich bringt, und die Mäuse kriegerischer macht, haben wir weder intendiert noch gesteuert.
Funke behauptet, dass man durch die Kombination von 50 Parametern „alles“ herstellen kann, was man will. Auch das stimmt nicht; die meisten Kombinationen erweisen sich als bionegativ, führen also nicht zu neuen Rassen. In dem Buch wird das genau dargestellt; es ist unklar, wie Funke auf die Idee kommt, dass wir die Evolution steuern.
Wir kennen die biopositiven Kombinationen keineswegs vorweg oder stellen sie gar ein. Uns überraschen deshalb bestimmte genetische Entwicklungen sehr wohl. Und es überraschte uns z.B. außerordentlich, dass sich, wie im Kapitel 3 beschrieben, eine Entwicklung einstellt, die weitgehend mit der Entwicklung des Homo sapiens übereinstimmt und zum Kriege führt.
Funke schreibt: „Auch die historischen Fallstudien in Kapitel 4 laufen alle acht auf dieselbe erklärende Variable hinaus (Ehrgeiz/Selbstwertschutz). Für ein Buch, das die Vielschichtigkeit historischer Kausalität explizit betont, ist die fehlende Auseinandersetzung mit konkurrierenden Erklärungen (Bündnissysteme, Wirtschaftsinteressen, Pfadabhängigkeiten) eine Leerstelle.“ Dazu ist zu sagen: Es gibt bei (politischen) Problemen zwei Aspekte. Der eine ist das inhaltliche Problem. Ein politisches Problem kann ein wirtschaftliches, ein finanzielles, ein militärisches, ein außenpolitisches usw. usw.. – Und dann gibt es eben die Art der Problemlösung, die in hohem Maße von der jeweiligen Motivation abhängt. In der Politik spielt das Motiv, die eigene Geltung zu pflegen, also die Geltungssucht, eine immer wieder betonte Rolle. Man sollte also die Art des Problems und die Art der Problemlösung, die in hohem Maße durch die Geltungssucht bestimmt wird, voneinander trennen.“
Hier erfolgt keine Antwort auf die Stellungnahme von Dietrich, sondern nur eine Quellenangabe zum Stichwort „Theorunkel“:
Braithwaite, R. B. (1962). Models in the empirical sciences. In Nagel, P. Suppes, & A. Tarski (Eds.), Logic, Methodology and the Philosophy of Science (pp. 224–231). Stanford University Press.
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