Rollstuhl-Erfahrungen

Im gerade abgeschlossenen Urlaub im Schwarzwald wurde ich viel mit dem Rollstuhl (ich habe zwei davon, siehe unten: Bluey 1 ist ein fast 20kg schwerer blauer Rollstuhl mit Elektroantrieb – gut für längere Strecken und Steigungen, Bluey 2 ist ein leichterer, klappbarer Rollstuhl (12 kg),w, auch in blau; beide können in unserem Auto, einem VW Golf, verstaut werden) von meiner Frau oder auch von meiner Schwester umhergeschoben, weil ich wg meiner Erkrankung kaum noch laufen kann. Dabei habe ich ein paar Erfahrungen gemacht, über die ich hier schreiben will.

Im Rollstuhl zu sitzen, ist eine neue Erfahrung für mich: Man hat kaum Kontrolle in Bezug auf Richtung oder Geschwindigkeit. Und es geht manchmal ungemütlich zu, wenn der Untergrund zum Beispiel gepflastert ist und nicht eben. Weil es keine Federung im Rollstuhl gibt.

Ich bin inzwischen auch auf die Behinderten-Toiletten angewiesen. In diese kann man üblicherweise mit dem Rollstuhl hineinfahren. Ganz toll: Es gibt einen europaweit gültigen Euroschlüssel! Der Euroschlüssel ist ein Schlüssel zu mehr Selbstständigkeit im öffentlichen Raum und auf Reisen. Der Schlüssel gehört zum einheitlichen Schließsystem für Behindertentoiletten, Aufzüge und Parkplatzschranken in ganz Europa – so die Theorie … Aber bislang hat das in D gut geklappt.

Und was für eine tolle Erfindung sind Fahrstühle! Das Wikipedia-Stichwort hierzu heißt natürlich auf gut Deutsch „Aufzugsanlage“ und macht deutlich, dass vermutlich Archimedes den ersten Fahrstuhl schon im Jahr 236 v. Chr. erbaute.

Die Toilette im Keller

Im von mir geliebten Café Schafheutle in Heidelberg liegt die Toilette z.B. im Keller. Für die meisten Gäste ist das eine Nebensache, die sie nicht einmal bemerken. Für mich ist es seit einiger Zeit eine wichtige Information, die über einen Besuch (Go-Nogo) entscheidet.

Ich sitze nicht ständig im Rollstuhl, sondern nur gelegentlich, wenn längere Wege anstehen. Und ich fahre nicht selbst, ich werde geschoben. Beides zusammen ergibt eine eigentümliche Doppelperspektive: Ich kenne die Stadt im Stehen und im Sitzen, und der Wechsel zwischen beiden macht Dinge sichtbar, die man sonst übersieht.

Geschoben werden

Wer geschoben wird, gibt drei Dinge ab: die Richtung, das Tempo und den Zeitpunkt. Wohin es geht, wie schnell und wann angehalten wird, entscheidet die Person hinter mir. Das geschieht in aller Regel umsichtig. Aber es geschieht nicht durch mich.

Das Wort Kontrollverlust klingt dramatischer, als es sich im Alltag anfühlt. Treffender ist: Die Kontrolle wird delegiert, und zwar vollständig. Ich kann natürlich bitten, hinweisen, korrigieren; ausführen kann ich nicht. Selbst das Anhalten vor einem Schaufenster wird zu einer Abstimmung mit der schiebenden Person.

Ich habe mich beruflich jahrzehntelang damit beschäftigt, wie Menschen in Situationen handeln, die sie nicht vollständig überblicken und steuern können. Im Rollstuhl ist das keine Laborfrage mehr. Hinzu kommt die veränderte Augenhöhe: Theken, Auslagen und Gesprächspartner sieht man von unten. Leute müssen sich bücken, um mich auf Augenhöhe anzusprechen.

Was Treppen (und Türen) entscheiden

Die Kellertoilette ist kein Fall von Gleichgültigkeit. Sie ist ein Fall von Baugeschichte. Viele traditionsreiche Häuser wie z.B. das ebenfalls von mir geschätzte Café Decker in Staufen stammen aus einer Zeit, in der niemand an Rollstühle dachte. Gerade die Orte, die man wegen ihrer Geschichte schätzt, sind deshalb oft die schwer erreichbaren.

Geschoben zu werden hilft an dieser Stelle nicht. Eine Treppe bleibt eine Treppe, gleich wer hinter dem Rollstuhl steht. Die Folge ist eine Planung, die vorher nicht nötig war: Wie lange bleibe ich und wo ist die nächste erreichbare Toilette? Diese Fragen stehen am Anfang jedes Besuchs, nicht am Ende.

Barrierefreiheit wird meist als Frage von Rampen und Türbreiten diskutiert. Im Alltag entscheidet sie sich oft an einem einzigen Punkt, der über die Dauer eines Aufenthalts oder den Abbruch eines Besuchs bestimmt.

Überhaupt Türen: Manche Feuerschutztür hält zwar das Feuer ab, aber leider auch Rollstuhlfahrer, die den Druck nicht aufbringen können. Da lobe ich mir Türöffnungsknöpfe, die an vielen Türen schon angebracht sind.

Freundliche Umgebung

Das andere, was sich ändert, ist die Reaktion der Menschen. Meine Erfahrung ist eindeutig: Die Umgebung ist freundlich, die Hilfsbereitschaft groß. Türen werden aufgehalten, Stühle beiseitegerückt, Wege freigemacht. Das ist keine Selbstverständlichkeit, und ich will es nicht kleinreden. Ich freue mich darüber.

Hilfe hat allerdings eine zweite Seite. Wer Hilfe annimmt, ist auf sie angewiesen. Die Freundlichkeit anderer gleicht die delegierte Kontrolle nicht aus, sie macht sie nur erträglicher. Beides gilt zugleich, und man muss lernen, es ohne Groll und ohne falsche Bescheidenheit anzunehmen.

Auf Augenhöhe ist man mit großen Hunden. Auf einer Hochzeit, auf der ich kürzlich war, stellte man mir Kuchen auf die Knie – der anwesende Hund nahm das als Angebot zum Mitessen – da musste ich unhöflich ablehnen.

Zwei getrennte Fragen

Aus der Sitzperspektive zerfällt das Thema in zwei Fragen, die oft vermischt werden. Die soziale Umgebung funktioniert: Menschen sind aufmerksam und hilfsbereit. Die gebaute Umgebung hinkt hinterher, gerade dort, wo sie alt und schön ist. Dass Alter eines Bauwerks und Barrierefreiheit kein Widerspruch sein müssen, zeigt die Uni Wien, wie ich bei einem Kongressbesuch bemerkt habe (damals noch ohne Rolli, aber schon mit Behinderung).

Freundlichkeit ersetzt keinen Aufzug. Wer über Barrierefreiheit spricht, sollte deshalb nicht an den guten Willen appellieren, der meist vorhanden ist. Er sollte nach den Treppen fragen.

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