Es ist mal wieder über eine Neuerscheinung zu berichten: Der bislang einzige Ehrendoktor unserer Fakultät, Dietrich Dörner, hat ein Buch mit zwei Ko-Autoren verfasst, dessen Titelblatt mich lachen ließ:

Ein Buch von Dietrich Dörner überrascht nie durch Bescheidenheit im Anspruch, und dieses hier bildet keine Ausnahme: Es will nicht weniger als den Grundstein für eine „Theoretische Psychologie“ legen – eine Systemwissenschaft der Seele, die zeigt, wie aus wenigen Grundprinzipien Motivation, Wahrnehmung, Denken und, am Ende, Krieg entstehen. Dass ein Buch mit diesem Ehrgeiz auch Reibungsflächen bietet, liegt in der Natur der Sache. Genau das macht die Lektüre lohnend – vorausgesetzt, man ist bereit, dem Buch seine eigenen Maßstäbe entgegenzuhalten.
Aus der Verlagsankündigung: „Der Erstautor hat sich bereits in früheren Werken mit dem Versuch beschäftigt, komplexe Vorgänge in Form von Computerprogrammen zu simulieren (u.a. beschrieben in „Die Logik des Misslingens“, „Bauplan für eine Seele“). In dem vorliegenden Buch beschreiben wir ein Forschungsprojekt, in dem wir unter Rückgriff auf die Aristotelische Seelendefinition, virtuelle Organismen, „Mäuse“, erschaffen haben. Neben körperlichen Bedürfnissen (Hunger, Durst, Fortpflanzung, Unversehrtheit, …) sind diese Mäuse auch durch „seelische“ Charakteristika wie Motive (z.B. Zusammengehörigkeit, Kontrolle), Emotionen (z.B. Angst, Freude) und Kognitionen (z.B. Ideen, Pläne) gekennzeichnet. Die Mäuse leben miteinander in einer Gemeinschaft, auf einer virtuellen Insel. Ein Teil des Buches befasst sich mit der Herausforderung, die komplexen Abläufe innerhalb und zwischen Mäusen in der programmierbaren Sprache der Mathematik darzustellen – und damit simulierbar zu machen. Damit wird zugleich ein Erklärungsmodell für den Zusammenhang und die Dynamik psychischer und sozialer Vorgänge entworfen. In einem weiteren Teil des Buchs richtet sich der Fokus auf die Ergebnisse unserer Simulationen: Was geschieht, wenn einzelne Gene (z.B. die Stärke des Wir-Gefühls oder die „Fruchtbarkeit“ (Sexualität) oder irgendetwas anderes) „mutieren“? Sie werden, je nach „Brauchbarkeit“ in das Genom einzelner Mäuse übernommen und werden dann weitergegeben je nach der Häufigkeit der Schwangerschaften, an denen die entsprechenden Mäuse beteiligt sind. Wenn die Mäuse sterben, bevor sie fortpflanzungsfähig sind, werden die Mutationen natürlich nicht übernommen. So kommt es zu einer Auswahl der „brauchbaren“ Mutationen! Was verändert sich an den Einzelorganismen, und wie entwickelt sich das Zusammenleben? Unsere Beobachtungen stellen wir ausführlich dar. Eine beobachtete Entwicklung erscheint uns dabei besonders bedenklich und bedenkenswert. Dieser Entwicklung haben wir daher einen eigenen Teil gewidmet. Mit zunehmender Größe der Mäusebevölkerung auf der Insel zeigt sich eine zunehmende Anzahl von Kämpfen der verschiedenen Mäusebanden (quasi primitive politische Gruppierungen). Dass mit zunehmender Bevölkerung bei gleichbleibenden Ressourcen Streit über die Ressourcennutzung entsteht, ist erwartbar. Die Auseinandersetzungen nehmen aber in Form und Ausmaß sehr viel stärker zu, als dass dies durch die Ernährungsengpässe einzelner Banden erklärbar wäre; Es entstehen regelrechte Kriege. Die kriegerischen Entwicklungen bei den Mäusen haben uns dazu gebracht, diesen Aspekt genauer zu untersuchen, und Hypothesen anzustellen über die Entstehung von Kriegen und die psychologischen Parameter, die dem Verlauf von kriegerischen Handlungen zugrunde liegen. Nicht zuletzt leitet uns dabei auch die Hoffnung, mit Hilfe der Simulationen kriegerische gesellschaftliche Entwicklungen besser zu verstehen – und dadurch letztendlich auch positiven Einfluss darauf nehmen zu können. Wir meinen, dass die genaue Betrachtung und theoretische Analyse von Einzelfällen, auch unter Hinzunahme der Techniken der Computersimulation psychischen Geschehens, eine viel größere Rolle in der Psychologie spielen sollte. In der gegenwärtigen, zum großen Teil empirisch-experimentellen Psychologie „ertrinkt“ der Einzelfall in der Statistik. Hitler, Stalin, Mao Tse-Tung… sie alle wären in der aktuell gängigen Goldstandard-Methode der „randomisierten kontrollierten Studie“ als statistische Ausreißer aussortiert worden. Die Welt haben sie aber entscheidend verändert. Fazit: Wenn wir mehr über komplexe Phänomene wie die Genese von Kriege wissen möchten, sind die Methoden der empirisch-experimentellen Forschung dazu in großen Teilen ungeeignet. Daher widmet sich ein Teil unseres Buches auch der Kritik am Mainstream aktueller psychologischer Forschungsmethodik, welche die Chance einer Untersuchung komplexer Phänomene leider unausgeschöpft lässt. Wir meinen, dass sich die Psychologie diese beträchtliche Lücke nicht länger leisten darf, und entwerfen eine alternative Methodik mit dem hier beschriebenen Forschungsprojekt als Beispiel.“ Soweit die Selbstdarstellung der Autoren.
Der Aufbau des Buchs. Drei Ebenen sind ineinander verwoben: ein autobiografisches Vorwort über Dörners Kriegserfahrungen als Sechsjähriger 1945, ein formales Simulationsmodell („die Mäuse“: Motivselektor, Ariadne-Algorithmus, 58 Gene für Motivgewichte und kognitive Merkmale) und historische Fallstudien aus beiden Weltkriegen. Diese Kombination aus biografischen Elementen, Systemtheorie und Historiografie ist für ein Fachbuch ungewöhnlich – und funktioniert überraschend oft. Das Vorwort ist bewegend und legitimiert das Thema biografisch; die acht historischen Episoden in Kapitel 4 (vom „Nachthemd des Kaisers“ – das Vortagsthema von DD bei den Feierlichkeiten zu meinem 70. Geburtstag – bis zu Hitlers Russland-Feldzug) sind gut erzählt und mit Kommentaren anerkannter Historiker (Barbara Tuchman, Sebastian Haffner, 2014) unterfüttert. Clausewitz ist natürlich auch dabei.
Was sind die Stärken des Werks? Der Sprach- und Denkfehler-Teil (Kapitel 5) ist das Kernstück des Buchs und funktioniert eigenständig, auch losgelöst vom Rest: Die Liste der 23 Denkfehler – von der Vermeidung von Selbstkritik über Methodismus bis zur Rekrutierung von Führungskräften nach Platon – ist präzise, in der Tradition der „Logik des Misslingens“ erkennbar weiterentwickelt, und dürfte für Lehre und Praxis wertvoll bleiben, unabhängig davon, wie man zum Gesamtprojekt steht (natürlich kannte man diese Liste schon von Dörner & Güss, 2022 – da waren es noch 24 Fehler …). Auch der „Selbstwert-und-Ehre“-Abschnitt im zweiten Kapitel liefert eine literarisch gut verankerte, plausible Mechanik zur Erklärung von Kriegsbegeisterung (Thomas Manns „Zauberberg“, die August-1914-Euphorie) – als Heuristik überzeugend.
Der wunde Punkt des Buchs liegt in einer durchgängigen Inkonsistenz zwischen Anspruch und Einlösung. Kapitel 1 verwirft die empirisch-experimentelle Psychologie pauschal („Theorunkulose“) und fordert stattdessen strenges Einzelfallstudium. Das eigene Modell in Kapitel 2 erfüllt diesen selbstgesetzten Maßstab jedoch nicht: Die Validierung des Motivselektors erfolgt explizit durch Analogieschluss – Ähnlichkeit zwischen simuliertem und menschlichem Fehlverhalten wird als „Validitätsbeleg“ gewertet, ohne unabhängige Vorhersage vor der Beobachtung. Die neuroanatomische Zuordnung zum Thalamus wird zudem, wie die Autoren selbst einräumen, erst nachträglich vorgenommen. Mit über 50 frei wählbaren Modellparametern lässt sich fast jedes gewünschte Verhalten erzeugen – ein Umstand, der im Buch selbst nicht diskutiert wird.
Auch die historischen Fallstudien in Kapitel 4 laufen alle acht auf dieselbe erklärende Variable hinaus (Ehrgeiz/Selbstwertschutz). Für ein Buch, das die Vielschichtigkeit historischer Kausalität explizit betont, ist die fehlende Auseinandersetzung mit konkurrierenden Erklärungen (Bündnissysteme, Wirtschaftsinteressen, Pfadabhängigkeiten) eine Leerstelle.
Am deutlichsten wird die Schieflage in den politischen Beispielen zu Kapitel 5: Die Illustration der Denkfehler am Ukraine-Krieg stützt sich unter anderem auf Seymour Hershs stark umstrittene Nord-Stream-These, ohne den kontroversen Charakter dieser Quelle offenzulegen – ausgerechnet in einem Abschnitt, der vor unvollständiger Wirklichkeitswahrnehmung warnt. Das entwertet nicht die Denkfehler-Systematik selbst, wirft aber ein Schlaglicht darauf, wie leicht auch ihre Verfasser den eigenen Kriterien nicht gerecht werden.
Unbefriedigend bleibt zudem ein strukturelles Detail: Das Vorwort kündigt mit Nachdruck an, die Seele sei zwar „Physik, nicht Metaphysik“, könne aber dennoch „unsterblich“ sein – „wie denn das? Das erfahren Sie später.“ Im Schlusskapitel wird dieses zentrale Versprechen nicht mehr aufgegriffen.
Fazit: Ein Buch mit Ecken und Kanten, geschrieben von einem Autorenteam, das nichts weniger will als eine ganze Disziplin neu zu denken – und genau darin liegt sein Reiz wie sein Risiko. Wer eine methodisch geschlossene, empirisch abgesicherte Theorie erwartet, wird enttäuscht: Die Validierungsstrategie bleibt an entscheidenden Stellen zirkulär, die Fallauswahl bestätigungsorientiert. Wer bereit ist, das Buch als das zu lesen, was es in seiner besten Version ist – eine essayistische, historisch informierte, streckenweise brillante Abhandlung über Motivation, Ehre und die Psychologie des Scheiterns –, wird belohnt, besonders durch die Denkfehler-Liste und die packend erzählten historischen Episoden. Zur Lektüre uneingeschränkt zu empfehlen ist es für alle, die Dörners Werk kennen und seine Diskursform schätzen; als Einstieg in eine „Theoretische Psychologie“ im strengen Sinn kann es die selbstgestellte Latte noch nicht reißen.
Vom Springer-Verlag bin ich enttäuscht – zwar ist der niedrige Preis (29,99 € für das E-Book) äußerst akzeptabel, aber das Lektorat lässt zu wünschen übrig! Ein gutes Lektorat hätte zum Beispiel Fußnote 1 verhindert, in der es um zwei völlig sachfremde Themen geht. Auch die abwertenden Bemerkungen über Annalena Baerbock (z. B. „Frau Baerbock zeichnet sich dadurch aus, dass sie ihre Meinung nie ändert. Hoffentlich tut sie damit das richtige“, S. 323) und Robert Habeck („Auf diese Weise homogenisiert der Wirtschaftsminister den Geist des Ministeriums, geht also davon aus, dass die „einzige Wahrheit“ nunmehr in seinem Ministerium die Macht ergreift.“, S. 376) fand ich überflüssig und unpassend. Tagespolitik hat in einem Buch wie diesem nichts zu suchen, finde ich. Ein Kollege, mit dem ich über das Buch sprach, nannte es „Opus Grollus“ – also das Werk einer grollenden Person, die mit verschiedensten Dingen „abrechnen“ will. Schade!
Quellen:
Clausewitz, C. (2014). Vom Kriege. Nikol.
Dörner, D., & Güss, C. D. (2022). Human error in complex problem solving and dynamic decision making: A taxonomy of 24 errors and a theory. Computers in Human Behavior Reports, 7, 100222. https://doi.org/10.1016/j.chbr.2022.100222
Dietrich Dörner, Christoph Dominik Güss & Alexander Lutsevich (2026). Der Krieg der Mäuse und die Seelen der Menschen. Heidelberg: Springer (für Angehörige der Uni Heidelberg kostenfrei als PDF downloadbar).
Haffner, S. (2014). Die sieben Todsünden des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg. Anaconda.
Tuchman, B. (2006). Die Torheit der Regierenden. Von Troja bis Vietnam. Rowohlt.
Tuchman, B. (2007). August 1914. Fischer.
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