Neues Lehrbuch zur Lern- und Gedächtnispsychologie

Mein Mannheimer Kollege, langjähriger Büronachbar in Trier und Bonn und zudem sehr guter Freund, Edgar Erdfelder, hat es endlich getan: Sein gesammeltes Wissen über die Lern- und Gedächtnis-Psychologie hat er jetzt in Buchform überführt und daraus ein Lehrbuch für „möglichst viele Personen und Berufsgruppen“ (S. 13 – alle hier gemachten Seitenangaben beziehen sich auf das 274 Seiten umfassende Buch) gemacht, das hier – in aller Befangenheit – rezensiert werden soll.

„Meine“ Lern- und Gedächtnispsychologie: Das waren die beiden Bände Lern- und Gedächtnispsychologie von Bredenkamp und Wippich (1977), schwer verdauliche Texte, durch die ich mich als junger Student „gequält“ habe (sorry, lieber Jürgen). Da ist das vorliegende Werk leichter verdaulich.

Der Klappentext sagt: „Lernen und Gedächtnis sind grundlegende kognitive Funktionen, die nicht nur in Ausbildungskontexten, sondern in allen Lebensbereichen eine zentrale Rolle spielen. Sie beeinflussen alltägliches Verhalten und Erleben ebenso wie mögliche Fehlfunktionen des Verhaltens und Erlebens maßgeblich. Dieses Lehrbuch beleuchtet Lernen und Gedächtnis aus allgemeinpsychologischer Perspektive. Im Fokus stehen also grundlegende, für alle Menschen gültige Gesetzmäßigkeiten. Dazu werden zentrale Befunde, Theorien und Methoden der Lern- und Gedächtnispsychologie vorgestellt. Elementare und elaborierte Lernformen werden ebenso behandelt wie kurz- und langfristige Gedächtnisformen, einschließlich wichtiger Einflussfaktoren auf Enkodierung, Speicherung und Abruf aus dem Gedächtnis. Praxisrelevante Implikationen für Klinische Psychologie, Neuropsychologie, Psychosomatik, Pädagogische Psychologie und Didaktik werden aufgezeigt.“

Über den Autor heißt es: „Prof. Dr. Edgar Erdfelder ist Seniorprofessor für Kognitive Psychologie an der Universität Mannheim. Nach Studien der Psychologie, Germanistik und Geschichtswissenschaften war er an den Universitäten Trier, Bonn, Gießen und seit 2002 in Mannheim tätig. Dort hatte er zunächst den Lehrstuhl für Kognitive und Differentielle Psychologie inne und bekleidete von 2018 bis 2021 das Amt des Prorektors für Forschung und wissenschaftlichen Nachwuchs.“

Lehrbücher zu Lernen und Gedächtnis gibt es reichlich. Kollege Erdfelder weiß das und stellt sich die Frage im Vorwort selbst: Warum noch eines? Seine Antwort ist unspektakulär und gerade deshalb überzeugend. Beide Gebiete werden gewöhnlich getrennt behandelt, von verschiedenen Autorinnen und Autoren, mit unterschiedlicher Terminologie, unterschiedlicher Notation, unterschiedlichen Abkürzungen. Wer daraus eine Vorlesung zusammenstellt – Erdfelder hat das in Mannheim seit 2002 getan –, produziert bei Studierenden vermeidbare Verwirrung. Das vorliegende Buch ist der Versuch, das Gebiet aus einer Hand und in einer einheitlichen Begriffssprache darzustellen. Dieser Anspruch ist eingelöst. Das Abkürzungsverzeichnis am Anfang wirkt zunächst wie Pedanterie; nach hundert Seiten hat man verstanden, dass es sehr hilfreich ist.

Der Aufbau folgt der klassischen Zweiteilung. Die Kapitel 2 bis 7 behandeln das Lernen: klassisches Konditionieren, biologisch vorbereitetes Lernen, operantes Konditionieren, Diskriminationslernen, Imitations- und Beobachtungslernen, schließlich die Rolle des Bewusstseins. Die Kapitel 8 bis 13 gelten dem Gedächtnis, beginnend mit einem Methodenkapitel mit der Unterscheidung von direkten und indirekten Messmethoden, dann sensorische Ultrakurzzeitsysteme, Kurzzeit- und Arbeitsgedächtnis, episodisches und semantisches Langzeitgedächtnis, zuletzt wieder das Bewusstsein. Jedes Kapitel endet mit einer Zusammenfassung, Schlüsselbegriffen und Übungsfragen. 38 s/w-Abbildungen, fünf Tabellen, gut dreihundert Literaturtitel, ein Personen- und ein Sachregister.

Mit großer Freude habe ich gesehen, dass es ein Kapitel zum komplexen Problemlösen gibt (7.3.2), in dem es um das verbalisierbare Wissen über komplexe Regelsysteme geht. Der Kontext: die mögliche Rolle des Bewusstseins beim impliziten Lernen.

Gelegentliche Abschnitte zur Neuropsychologie des Gedächtnisses (10.2.4, 10.4.7) machen eine Seite der Gedächtnispsychologie deutlich, die ein eigenes Buch verdient hätte. Ich bin froh, dass Erdfelder diesen Schwerpunkt nicht gewählt hat.

Bemerkenswert ist die Grundhaltung. Erdfelder eröffnet mit Ebbinghaus‘ Bemerkung von 1885, dass seine Versuche sämtlich an ihm selbst angestellt seien und die Resultate daher zunächst nur für ihn Bedeutung hätten – und macht daraus die Definition des Faches. Eine allgemeinpsychologische Hypothese hat die Form „Für alle Menschen x gilt: Ψ(x)“ (das habe ich jedes Mal in meiner Vorlesung Allgemeine Psychologie gesagt). Nicht für die Mehrheit, nicht für den Durchschnitt, für jedes Individuum. Das ist die methodologische Linie Bredenkamps, dem der Autor in der Danksagung (S. 14) ausdrücklich seine wissenschaftliche Prägung zuschreibt, und sie durchzieht das ganze Buch. Wer diese Position für überholt hält, wird das Buch altmodisch finden. Wer verfolgt hat, welche Begriffsunschärfe die Disziplin sich in den letzten zwanzig Jahren geleistet hat, wird sie für die eigentliche Nachricht halten.

Die Stärke des Buches liegt in seiner methodischen Ader, und hier unterscheidet es sich am deutlichsten von der Konkurrenz. Kapitel 8 führt nicht nur Reproduktions- und Rekognitionstests vor, sondern gleich die Messmodelle dazu: Signalentdeckungstheorie in der Gleich- und Ungleichvarianzversion, Hochschwellenmodelle, Quellenüberwachung. Kapitel 13 entwickelt Jacobys Prozessdissoziationsprozedur bis zu den Auflösungen c = pI − pE und u = pE/(1 − pI + pE (S. 239) und zählt anschließend auf, was an dieser einfachsten Variante nicht stimmt: die ungeprüfte Unabhängigkeitsannahme, die ignorierten Rateeinflüsse, die unterstellte Parameterinvarianz über beide Bedingungen. Auch das Rescorla-Wagner-Modell wird ausgeschrieben und nicht bloß erzählt. Dass ein Einführungslehrbuch dem Leser zumutet, ein Modell zu rechnen statt es zu bewundern, ist die eigentliche Empfehlung dieses Buches.

Auch der Anwendungsteil ist kein Beiwerk. Expositionstherapie bei Phobien, die Behandlung der Enuresis, der Jo-Jo-Effekt bei radikalen Reduktionsdiäten, evaluative Konditionierung in der Werbung, Testeffekt und verteiltes Üben beim Vokabellernen – jeweils zurückgebunden an den Grundlagenbefund, der sie trägt. Erdfelders Punkt, dass erfolgreiche Anwendungen aus erfolgreicher Grundlagenforschung erwachsen, wird nicht einfach nur behauptet, sondern auch belegt.

Ich hätte zwei Wünsche für eine Neuauflage. Erstens: Augenzeugengedächtnis, Gedächtnistäuschungen, autobiographisches und prospektives Gedächtnis, formale Gedächtnismodelle – all das ist ausgeklammert, mit Verweis auf Pohl (2007, 2022), Baddeley et al. (2025) und Radvansky (2026). Der Autor benennt das offen (S. 219), was ihm anzurechnen ist. Nur sind das genau die Gebiete, über die auch außerhalb des Faches gesprochen wird, und die bekannte amerikanische Gedächtnisforscherin Elizabeth Loftus erscheint in diesem Buch ausschließlich als Koautorin von Collins & Loftus (1975). Da könnte man ein paar Seiten mehr verkraften, finde ich.

Zweitens: Der Autor hat mit G*Power (z. B. Erdfelder et al., 1996, 2004) das Werkzeug geliefert, mit dem eine ganze Generation ihre Teststärke berechnet. Umso auffälliger ist, dass die Replikationsdebatte in diesem Buch keinen systematischen Platz hat. Erdfelder berichtet über gescheiterte Replikationen, wo sie anfallen, und diskutiert sie sauber – etwa beim Kontextabhängigkeitseffekt in Kap. 11.3.1. Aber ein Abschnitt, der Studierenden erklärt, warum manche der referierten Klassiker unsicherer stehen als andere, fehlt. Ich verstehe die Konzentration auf die Inhalte der Lern- und Gedächtnispsychologie, aber … Das Buch endet stattdessen mit Kapitel 13 und dem Satz auf S. 244, man dürfe auf zukünftige Entwicklungen in diesem Bereich (gemeint ist der Bereich des impliziten Gedächtnisses) gespannt sein. Ein Schlusskapitel, das Lernen und Gedächtnis noch einmal zusammenführt, wäre die konsequente Einlösung des Vorworts gewesen.

Ich fand den Text stellenweise schwierig und hätte auch einige der vorgeschlagenen Selbsttestfragen nicht beantworten können, zum Beispiel diese (von S. 62): „Ein Kommilitone aus Ihrer Lerngruppe behauptet: »Die Summe der Assoziationsstärken VSUM im Rescorla-Wagner-Modell kann niemals größer als λUS werden.« Kennen Sie ein Phänomen, das seine Behauptung widerlegt? Wenn ja, wie lässt dieser Effekt sich mit dem Rescorla-Wagner-Modell erklären und was folgt daraus für die Beobachtungen in der Extinktionsphase?“ In dieser Lerngruppe hätte ich keine großen Überlebenschancen gehabt …

Lieber Ede, da ist Dir etwas Gutes gelungen! Wer eine deutschsprachige Einführung sucht, die Begriffe sauber definiert, und wer Messmodelle nicht scheut, hat derzeit keine Alternative. Für die Prüfungsvorbereitung im Bachelor ist das Buch in seinem Zuschnitt konkurrenzlos, weil es genau das leistet, wofür Studierende sonst drei Bücher parallel lesen müssten.

Und dem Verlag Kohlhammer ist für seine moderate Preispolitik zu danken: Knapp 40 € für fast 300 Seiten hochkarätige Literatur sind angemessen. Einführende und Grundlagen-Lehrbücher liegen heute meist bei 40–80 €, umfangreiche Handbücher auch deutlich darüber. In den USA kosten Lehrbücher einen mittleren dreistelligen Betrag, daher haben Bob Sternberg und ich unser Lehrbuch 2019 kostenlos zum Download angeboten.

Quellen:

Baddeley, A. G., Eysenck, M. W., & Anderson, M. C. (2025). Memory (4. Aufl.). London, UK: Routledge. https://doi.org/10.4324/9781003453536

Bredenkamp, J., & Wippich, W. (1977). Lern- und Gedächtnispsychologie. Band I. Kohlhammer.

Bredenkamp, J., & Wippich, W. (1977). Lern- und Gedächtnispsychologie. Band II. Kohlhammer.

Erdfelder, Edgar (2026). Allgemeine Psychologie: Lernen und Gedächtnis. Grundlagen, Methoden und Anwendungen. Kohlhammer. https://doi.org/10.17433/978-3-17-046859-7

Erdfelder, E., Faul, F., & Buchner, A. (1996). GPOWER: A general power analysis program. Behavior Research Methods, Instruments, & Computers, 28, 1–11.

Erdfelder, E., Buchner, A., Faul, F., & Brandt, M. (2004). GPOWER: Teststärkeanalysen leicht gemacht. In E. Erdfelder & J. Funke (Eds.), Allgemeine Psychologie und deduktivistische Methodologie (pp. 127–147). Vandenhoeck & Ruprecht.


Pohl, R. F. (2007). Autobiographisches Gedächtnis. Die Psychologie unserer Lebensgeschichte. Stuttgart: Kohlhammer. https://doi.org/10.17433/978-3-17-029542-1

Pohl, R. F. (Hrsg.) (2022). Cognitive illusions (3. Aufl.). London, UK: Routledge. https://doi. org/10.4324/9781003154730

Radvansky, G. A. (2026). Human memory (5. Aufl.). New York, NY: Routledge. https://doi.org/10.4324/9781003491026

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