Umwelt interdisziplinär

Ein neues Buch ist erschienen (natürlich open access, d. h. kostenlos als PDF downloadbar): Thomas Meier, Frank Keppler, Ute Mager, Ulrich Platt & Friederike Reents (Hrsg.) 2026. Umwelt interdisziplinär. Grundlagen – Konzepte – Handlungsfelder. Heidelberg: Heidelberg University Press. https://doi.org/10.17885/heiup.1378

30 Kapitel von über 60 Autorinnen und Autoren! Fast 1000 Seiten! Uff!

Ich bin an zwei Kapiteln mit Bezug zur Psychologie beteiligt: am Stichwort „Umweltpsychologie“ und am Stichwort „Risiko“. Das Buch ist hervorgegangen aus Kooperationen mit dem „Heidelberg Center for the Environment“ (HCE), das – so die Homepage – „der Vernetzung der bestehenden Kompetenzen in den Umweltwissenschaften an der Universität Heidelberg [dient]. Sein Ziel ist es, über Fächer- und Disziplingrenzen hinweg, den existentiellen Herausforderungen und ökologischen Auswirkungen des natürlichen, technischen und gesellschaftlichen Wandels auf den Menschen wissenschaftlich zu begegnen.“

Die Veröffentlichung des Gesamtwerks hat sich über mehrere Jahre hingezogen. Erste Preprints gab’s ab 2022. Bei Kruse/Funke findet sich am Ende des Kapitels ein Autorenhinweis: „Die Autorin und der Autor haben die Arbeit an diesem Beitrag im Dezember 2021 abgeschlossen. Neuere Entwicklungen konnten leider nicht mehr berücksichtigt werden.“ Es dauert manchmal eben sehr lange, bis ein Beitrag endgültig publiziert wird – in diesem Fall fast 5 Jahre – wie gut, dass es Preprints und Preprint-Server (wie etwa arXiv – oder in unserem Fall: heiDOK, siehe hier) gibt.

Das Kapitel „Umweltpsychologie“ liefert einen breiten Überblick, der die junge Disziplin aus der Psychologie heraus aufspannt und zugleich ihre genuin inter- und transdisziplinäre Rolle betont. Der rote Faden: von Definitionen und Institutionalisierung über historische Linien (Hellpach/Heidelberg, Lewin, Uexküll) hin zu Forschungs- und Handlungsfeldern sowie zu Interventionen. Die Leitidee „Umweltprobleme als Verhaltensprobleme“ wird ausgearbeitet und mit Referenzen (u. a. Stern, Gifford, Metaanalysen zu Interventionen) abgesichert. Auch die Differenzierung zwischen individuellen, interpersonalen und externen Faktoren sowie die Warnung vor der Überschätzung von Wissen und Einstellungen sind enthalten.

Lenelis Kruse und Joachim Funke 2026. Umweltpsychologie, 335–361. In: Meier et al., Umwelt interdisziplinär. Grundlagen – Konzepte – Handlungsfelder. Heidelberg: Heidelberg University Publishing. https://doi.org/10.17885/heiup.1378.c19340

Abstract: In diesem Beitrag wird das Gebiet der Umweltpsychologie vorgestellt, das nach einer langen Geschichte einer „umweltlosen“ Psychologie in den 1960er-Jahren in vielen Ländern akademisch etabliert wurde. Besondere Betonung finden derzeit Ansätze der Umweltpsychologie zur Analyse und Bewältigung globaler Umweltprobleme als Probleme menschlichen Handelns und als wichtigen Beitrag zur Gestaltung einer nachhaltigen Entwicklung.

Das Kapitel „Risiko“ liefert eine breite, interdisziplinäre Kartierung des Begriffs: von der ökonomischen Entscheidung unter Unsicherheit über naturwissenschaftliche Gefahren-/Vulnerabilitätslogik bis hin zu psychologischer Risikowahrnehmung, ethischer Verantwortbarkeit, rechtlicher Legitimation und soziologischer „Risikogesellschaft“. Die Gliederung ist klassisch-wissenschaftlich, die Beispiele (Hochwasser, Portfolio, Urnenwetten; St.-Petersburg- und Ellsberg-Paradox; „Asiatische Krankheit“) sind gut gewählt und didaktisch tragfähig. Nicht nur Definitionen werden nebeneinandergestellt, sondern auch die disziplinären Erkenntnisinteressen herausgearbeitet, die sich im Klimawandel-Beispiel wieder zusammenfügen.

Jürgen Eichberger, Joachim Funke, Ute Mager und Ulrich Platt 2026. Risiko, 471–507. In: Meier et al.,
Umwelt interdisziplinär. Grundlagen – Konzepte – Handlungsfelder. Heidelberg: Heidelberg University Publishing. https://doi.org/10.17885/heiup.1378.c19345

Abstract: Der Risikobegriff ist zum Schlüsselbegriff des 21. Jahrhunderts geworden. Der Beitrag geht dem Verständnis dieses ursprünglich aus der Seeschifffahrt stammenden Begriffs in den Disziplinen der Ökonomie, Naturwissenschaft, Psychologie, Ethik, Rechtswissenschaft und Soziologie nach, zeigt die unterschiedlichen Erkenntnisinteressen und unterstreicht die Notwendigkeit einer interdisziplinären Risikoforschung auch und gerade in den Umweltwissenschaften.

Natürlich sind nicht nur die beiden Kapitel, an denen ich mitgeschrieben habe, lesenswert, sondern das gesamte Buch ist eine außerordentliche Sammlung von Umweltthemen, die interdisziplinär behandelt werden und die vielfältigen Aspekte der großen Thematik „Umwelt“ aufgreifen.Für wen eignet sich das Buch: fortgeschrittene Studierende und Forschende, die einen fundierten Einstieg in Nachbardisziplinen suchen – dafür ist es geeignet, Open Access macht es niedrigschwellig zugänglich. Als Nachschlagewerk mit Stichwortverzeichnis (62 S.) ist es funktional gut ausgestattet.

Es fehlt ein eigenständiges Grundlagenkapitel Biologie/Ökologie. Physik, Chemie, Geowissenschaften, Geographie, Rechtswissenschaft, Politikwissenschaft, Ethnologie, Geschichte, Literaturwissenschaft, Theologie, Psychologie und Bildungswissenschaft haben je ein Fachkapitel im Grundlagenteil – die Biologie taucht nur indirekt über die Konzeptkapitel Evolution und Diversität auf. Für ein Umweltwissenschaften-Handbuch, in dem Biodiversitätsverlust eines der Kernthemen ist, ist das eine auffällige Lücke.

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