
(for readers who are not able to understand my German words: you can switch language by clicking on the country flag right above and you will get an AI-generated translation)
Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal einen Nachruf auf meinen geschätzten Kollegen, Wegbegleiter und Freund Klaus Fiedler schreiben würde – nun ist es geschehen: Klaus ist in der letzten Nacht 74-jährig seinem Krebsleiden erlegen …
Als ich 1997 als Youngster zum Heidelberger Institut kam, war Klaus schon ein Star (ich war ein Nobody im Vergleich zu ihm -er war Nachfolger von Carl-Friedrich Graumann, ich von Norbert Groeben). Das Erste, was Klaus mich damals fragte, war, wann wir ein Bier zusammen trinken gehen würden. Bei dem Glas Bier ging es ihm darum herauszufinden, welche Themen mich interessierten (und ganz nebenbei: Was ich vom 1. FC Köln hielte – was ich erst spät erfuhr: In seinem alten Büro stand der Hennes, das Maskottchen vom 1. FCK – auf dem Bild im Vordergrund rechts).

Auf seiner Instituts-Homepage (er hat sich wenig um seinen Webauftritt gekümmert – sich für solche Dinge nicht zu interessieren, war ein Markenzeichen) findet man zu seiner akademischen Karriere folgende Angaben:
Academic Career
- 1975: Diploma in psychology. Diploma thesis on misattribution of emotional reactions.
- 1979: Dr. phil. Dissertation on social judgment formation. Dissertation award of the University of Giessen.
- 1984: Habilitation (a kind of advanced PhD in the German academic system), based on a monograph on contingency assessment.
- 1975 – 1978: Research assistant in a large-scale project on computer utilization in the study of psychology. Development of computer-assisted instruction programs and computer-controlled experiments.
- 1978 – 1980: Research assistant in the Psychological Department of the University of Giessen. Research and teaching in psycholinguistics, experimental and social psychology.
- 1980 – 1982: Habilitation fellow of the Deutsche Forschungsgemeinschaft. Experimental studies on contingency detection and rule learning.
- 1982 – 1987: Assistant professor University of Giessen. Teaching and research in methodology, social and experimental psychology.
- 1987 – 1990: Psychology professor (C2) in cognitive and social-cognitive psychology, University of Giessen.
- 1990 – 1992: Professor (C3) for social psychology and microsociology in Mannheim.
- since 1992: Full professor (C4) for social psychology at the University of Heidelberg.
Seine umfangreichen Veröffentlichungen kann ich hier gar nicht angemessen würdigen (Google Scholar zählt >27.000 Zitationen für seine Beiträge), für die Community hat er bis zuletzt Artikel gereviewt und selbst verfasst – ich habe im Institut in den letzten Jahren mein Büro neben seinem gehabt und dabei mancherlei mitbekommen.
Einer meiner Lieblingsartikel von ihm (Fiedler, 2004. Tools, toys, truisms, and theories: Some thoughts on the creative cycle of theory formation. https://doi.org/10.1207/s15327957pspr0802_5) behandelt Kreativität in der Wissenschaft als Wechselspiel von zwei Prozessen: einem lockeren „loosing“-Prozess, und einem strengeren „tightening“-Prozess.
Sein vielleicht bedrückendstes Erlebnis war der Skandal um die an ihn 2021 herangetragene Herausgeberschaft von „Perspectives on Psychological Science“. Nach nur einem Jahr Amtszeit forderten über 100 Kolleginnen und Kollegen seinen Rücktritt wegen eines angeblichen Verstoßes gegen Prinzipien der Vielfalt, Gerechtigkeit und Inklusion (siehe meinen damaligen Blog sowie den Blogbeitrag von Klaus selbst, in dem er vieles klarstellt).
Der ganze Vorgang ist ihm sehr nahegegangen, vor allem, wie schnell sich Personen gegen ihn stellten, die keine detaillierte Kenntnis von den tatsächlichen Vorgängen hatten, sondern offensichtlich vorurteilsgetrieben werteten. Vielleicht kein Wunder, dass eines seiner Lieblingsthemen der letzten Jahre „meta-cognitive myopia“ (meta-kognitive Kurzsichtigkeit) lautete …
Mir bleiben viele berufliche und private Erinnerungen, an die ich gern zurückdenken werde: sein beständiges Kümmern um den wissenschaftlichen Nachwuchs; den Erhalt des hoch dotierten Leibnizpreises der DFG im Jahr 2000; sein demonstratives Desinteresse (er öffnete seine Tagespost) beim Fakultätsbesuch des damaligen Rektors Bernhard Eitel, der uns allen Ernstes aufforderte, ein gemeinsames Thema wie „Babydemenz“ zu suchen; die legendären Auftritte von Klaus im Fakultätsrat; sein trockener Humor; die vielen Schwätzchen, die ich mit ihm als meinem Zimmernachbarn in den letzten Jahren auf dem Institutsflur führte; und, und, und …
Wer Klaus nochmal im Video erleben möchte, sei auf seinen Gruß für die Alumni 2020 als Ersatz für die im Jahr 2020 wegen Corona ausgefallene Masterfeier hingewiesen (sein Auftritt auf YouTube: von Minute 18:37 bis 21:14).
Die akademische Welt hat einen großartigen Wissenschaftler verloren!
Ruhe in Frieden, lieber Klaus – du wirst uns fehlen!
siehe auch:
https://www.easp.eu/news/itm/in_memoriam_klaus_fiedler-2273.html
Joachim Krueger & Joe Forgas: https://unsafescience.substack.com/p/klaus-fiedler-in-memoriam
17 Kommentare
Die Psychologie hat einen klugen, kreativen und oft unkonventionell denkenden Wissenschaftler verloren. Klaus fühlte sich der soliden, nach Erkenntnissen strebenden psychologischen Forschung verplichtet. Seichtes Geplänkel war im fremd, ebenso lautes Trommeln, nur um gehört zu werden. Seine Beiträge verlangten vom Leser Nachdenken, und deren Studium lohnte sich immer. Manches eingefahrene Denkschema hat er ins Wanken bringen können. Schade und traurig, dass Klaus schon jetzt und zu früh gehen musste.
Thank you for this very nice tribute to Klaus. He was truely exceptional. Klaus had this amazing capability to give a talk on topics that you had been thinking about hundrets of times before. And yet, he needed no more than three sentences to let them appear in an entirely new light. You would leave his talk wondering why no one else had made these points before, as in retrospect they seemed so overwhelmingly convincing. Well, just in retrospect… I will miss him.
Lieber Joachim,
danke für Deinen Nachruf. Wirklich sehr traurig, dass wir Klaus nun verloren haben. Erst vor zwei Wochen hatte er mir noch das letzte Paper mit David Trafimow geschickt. Du weißt, dass ich Euch Heidelberger immer um ihn beneidet habe. Wenn es nach mir gegangen wäre, so hätten wir ihn mit allen Mitteln in Mannheim halten müssen.
Werner
Lieber Herr Funke, herzlichen Dank für diesen schönen Nachruf!
Es tut gut, nach der traurigen Nachricht auf dieser Seite zu verweilen, die Gedanken aller hier Schreibenden zu lesen und die eigenen zu sortieren.
Ich habe Klaus in Vorlesungen und als studentisches Mitglied im Fakultätsrat erlebt und durfte als Hiwi in der Sozialpsychologie sehr viel von ihm lernen. Ich erinnere mich außerdem gerne an inspirierende, konstruktiv-kritische Diskussionen mit Klaus am MPIB in Berlin, an gemeinsames Lachen und Fußballschauen in Basel. Sein herausragender Beitrag für die Psychologie wurde bereits an anderer Stelle gewürdigt. Klaus wird fehlen. Ich bin sehr dankbar für die gemeinsame Zeit und werde ihn vermissen.
— Stephanie Kurzenhäuser-Carstens
Klaus was an amazing friend and we had many wonderful discussions over zoom, in Edinburgh, and in Bamberg and these led to research collaborations and publications. We were looking forward to more for my trip in summer/fall of 2026 and I am greatly saddened that these will not happen. Klaus was exceptional, as both a friend and a scientist. I miss him more than I can explain. But I know he would want us to carry on and do our utmost to improve science and that is exactly what I intend to do, with Klaus as inspiration.
David Trafimow
I had not been in touch with Klaus for the past years, but I have good memory of the time when I wrote my thesis with him. Sad to hear of his passing.
R.I.P. Klaus and all the best to your family.
Philipp Starkloff
Das sind sehr traurige Neuigkeiten! Als ehemalige Hiwi in seiner Abteilung und für kurze Zeit noch Kollegin an der Uni Heidelberg habe ich immer viel von Klaus gelernt. Er wird der Wissenschaftsgemeinde als kritischer Geist sehr fehlen.
Danke, JoFu, für den Nachruf!
Auch mich hat diese Nachricht sehr traurig gemacht. Seinen Angehörigen und allen, die ihn vermissen, gilt meine aufrichtige Anteilnahme.
Als Student konnte ich Klaus erst aus der Ferne in seiner Vorlesung, dann aus der Nähe als Hiwi in seiner Abteilung kennenlernen und von ihm lernen. „Wenn’s klemmt, lernt man“ hat er (sinngemäß) häufiger gesagt und dass er damit Recht hatte, habe ich noch oft festgestellt. Seine Lehre war anders, hat mich häufig irritiert und manchmal frustriert zurückgelassen, aber auf lange Sicht konnte ich sehr viel daraus mitnehmen: Kleine Anekdoten über die Größen der Sozialpsychologie (ich erinnere z.B., dass man Bob Zajonc Bob „Science“ ausspricht und der Nachname „Hase“ bedeutet) genauso wie ein tieferes Verständnis von Theorien und ihrem praktischen Nutzen. Auch seine Ablehnung allzu schnellen Konsenses als Fehlerquelle guter Entscheidungen bleibt mir in Erinnerung und wie er in kleineren oder größeren Runden ganz praktisch und effektiv „Groupthink“ zu verhindern wusste. Er war inspirierend für mich und, das ist zumindest mir ein tröstlicher Gedanke, wird es auch bleiben.
thanks for your comment! the paper you mentioned is probably Fiedler, K., Kutzner, F., & Krueger, J. I. (2012). The Long Way From Alpha-Error Control to Validity Proper: Problems With a Short-Sighted False-Positive Debate. Perspectives on Psychological Science, 7(6), 661–669. https://doi.org/10.1177/1745691612462587, highly recommended!
This is very sad. When I think of Klaus, I think of the support and encouragement he provided me as a developing scientist. He was one of the first people (beyond my own inner circle of advisors) to not just push me, but give me confidence to push my science. As I was moving back to the states after a post-doc in Basel, he pulled me aside and told me that I had made it and that he was eager to see what I will do with my career. I will always be grateful. I will also say that I was an AE with him on PPS. That experience broke my heart.
As I thought about this startling news of his death, my mind wandered to Fiedler et al. (2012) where he and his co-authors outlined an important argument about the relative importance of false-negative errors vs false-positive errors in psychology. Somehow that entire paper just resonates Klaus to me. But, I recalled this passage at the end:
„If the ultimate standard of excellence on which leading scientists’ careers are built is not the publication of sexy findings of dubious replicability and unknown validity in journals with the highest citation rates, but innovative research based on precisely stated theories and empirical laws, then false positives will be nothing but embarrassing mistakes to be easily corrected in replication studies. We suspect that establishing a hall of fame for the best examples of good science will be a better strategy in the long run than propagating a methodology that minimizes false positives in significance testing while losing sight of the validity of the hypotheses being tested.“
Klaus, my friend, your work is in my hall of fame for the best examples of good science, and I suspect it is for others as well. Godspeed.
-Tim Pleskac
Klaus was a generous colleague, an amazing intellectual spirit and a passionate advocate for science. His impact on psychological science cannot be underestimated. My condolences to his family and colleagues.
Lieber Klaus,
Du wirst mir und uns fehlen. Dein gewitztes Lächeln in Diskussionen, Dein feiner Sinn für Sprache und Mathematik, Deine selten breite Bildung und Deine unermüdliche Suche nach neuen Wahrheiten jenseits eingerosteter Konsense waren einzigartig. Ebenso einzigartig war Deine inspirierende wissenschaftliche Praxis in Deiner Heidelberger Abteilung, die nach allen Metriken exzellent war, ohne dies jemals mit Erbsenzählerei jeglicher Provenienz zu verwechseln. Vielleicht stand das Klavier im Flur der Abteilung auch genau dafür. Ich habe Dich als einen wahrlich vorurteilsfreien, argumentationsfreudigen und neugierigen Selbstdenker erlebt, der hart argumentieren konnte, aber auch eigene Ideen infrage stellen konnte und besonders fähig war, auch „kooperativ zu denken“.
Du bist ein Unikat – unersetzbar – und wirst mir im Gedächtnis bleiben. Dein erfrischender wissenschaftlicher Geist und Dein gewitztes Lächeln werden mir sehr fehlen.
Momme von Sydow
PS: Danke, lieber JoFu!
Tschüs Klaus. Danke JoFu!
Thank you for the tribute to Klaus. I will miss him, he was a remarkable scholar and a warm friend.
This is very sad news. I am proud to have shared good times with you, dear Klaus, and of the research we published together following the workshop on “Predicting Choice from Exploration,” which I organized in Noordwijk, the Netherlands, in 2013. Your intellect will always be respected and cherished. Rest in peace.
— Coty Gonzalez
Danke für diesen netten Nachruf, der Klaus wirklich gerecht wird. Ich werde ihn als einen liebenswürdigen und geistreichen Kollegen, der mir immer ein Vorbild war, in Erinnerung behalten.
Rolf Reber, Universität Oslo
Lieber Herr Funke,
vielen Dank, dass Sie mich über das Ablenen von Klaus informiert haben. Klaus und ich waren sehr verbunden. Wir haben schon an der Uni Giessen eng in Projekten zusammengearbeitet und zusammen Vorträge auf Tagungen gehalten sowie publiziert. Auch unsere Freizeit haben wir oft zusammen verbracht. Ich war Trauzeuge bei seiner ersten Hochzeit und habe für ihn das Hochzeitsessen gekocht. Ich bin schockiert und betroffen, weil ich von seiner Erkrankung nichts wusste. Ich muss das erst verdauen.
Viele Grüsse aus traurigem Anlass
Frank Faulbaum