Nachruf auf Klaus Fiedler (1951-2026)

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Ich hätte nicht gedacht, dass ich einmal einen Nachruf auf meinen geschätzten Kollegen, Wegbegleiter und Freund Klaus Fiedler schreiben würde – nun ist es geschehen: Klaus ist in der letzten Nacht 75-jährig seinem Krebsleiden erlegen …

Als ich 1997 als Youngster zum Heidelberger Institut kam, war Klaus schon ein Star (ich war ein Nobody im Vergleich zu ihm). Das Erste, was Klaus mich damals fragte, war, wann wir ein Bier zusammen trinken gehen würden. Bei dem Glas Bier ging es ihm darum herauszufinden, welche Themen mich interessierten (und ganz nebenbei: Was ich vom 1. FC Köln hielte – was ich erst spät erfuhr: In seinem alten Büro stand der Hennes, das Maskottchen vom 1. FCK – auf dem Bild im Vordergrund rechts).

Auf seiner Instituts-Homepage (er hat sich wenig um seinen Webauftritt gekümmert – sich für solche Dinge nicht zu interessieren, war ein Markenzeichen) findet man zu seiner akademischen Karriere folgende Angaben:

Academic Career

  • 1975: Diploma in psychology. Diploma thesis on misattribution of emotional reactions.
  • 1979: Dr. phil. Dissertation on social judgment formation. Dissertation award of the University of Giessen.
  • 1984: Habilitation (a kind of advanced PhD in the German academic system), based on a monograph on contingency assessment.
  • 1975 – 1978: Research assistant in a large-scale project on computer utilization in the study of psychology. Development of computer-assisted instruction programs and computer-controlled experiments.
  • 1978 – 1980: Research assistant in the Psychological Department of the University of Giessen. Research and teaching in psycholinguistics, experimental and social psychology.
  • 1980 – 1982: Habilitation fellow of the Deutsche Forschungsgemeinschaft. Experimental studies on contingency detection and rule learning.
  • 1982 – 1987: Assistant professor University of Giessen. Teaching and research in methodology, social and experimental psychology.
  • 1987 – 1990: Psychology professor (C2) in cognitive and social-cognitive psychology, University of Giessen.
  • 1990 – 1992: Professor (C3) for social psychology and microsociology in Mannheim.
  • since 1992: Full professor (C4) for social psychology at the University of Heidelberg.

Seine umfangreichen Veröffentlichungen kann ich hier gar nicht angemessen würdigen (Google Scholar zählt >27.000 Zitationen für seine Beiträge), für die Community hat er bis zuletzt Artikel gereviewt und selbst verfasst – ich habe im Institut in den letzten Jahren mein Büro neben seinem gehabt und dabei mancherlei mitbekommen.

Einer meiner Lieblingsartikel von ihm (Fiedler, 2004. Tools, toys, truisms, and theories: Some thoughts on the creative cycle of theory formation. https://doi.org/10.1207/s15327957pspr0802_5) behandelt Kreativität in der Wissenschaft als Wechselspiel von zwei Prozessen: einem lockeren „loosing“-Prozess, und einem strengeren „tightening“-Prozess.

Sein vielleicht bedrückendstes Erlebnis war der Skandal um die an ihn 2021 herangetragene Herausgeberschaft von „Perspectives on Psychological Science“. Nach nur einem Jahr Amtszeit forderten über 100 Kolleginnen und Kollegen seinen Rücktritt wegen eines angeblichen Verstoßes gegen Prinzipien der Vielfalt, Gerechtigkeit und Inklusion (siehe meinen damaligen Blog sowie den Blogbeitrag von Klaus selbst, in dem er vieles klarstellt).

Der ganze Vorgang ist ihm sehr nahegegangen, vor allem, wie schnell sich Personen gegen ihn stellten, die keine detaillierte Kenntnis von den tatsächlichen Vorgängen hatten, sondern offensichtlich vorurteilsgetrieben werteten. Vielleicht kein Wunder, dass eines seiner Lieblingsthemen der letzten Jahre „cognitive myopia“ (kognitive Kurzsichtigkeit) lautete …

Mir bleiben viele berufliche und private Erinnerungen, an die ich gern zurückdenken werde: sein beständiges Kümmern um den wissenschaftlichen Nachwuchs; den Erhalt des hoch dotierten Leibnizpreises der DFG im Jahr 2000; sein demonstratives Desinteresse (er öffnete seine Tagespost) beim Fakultätsbesuch des damaligen Rektors Bernhard Eitel, der uns allen Ernstes aufforderte, ein gemeinsames Thema wie „Babydemenz“ zu suchen; die legendären Auftritte von Klaus im Fakultätsrat; die vielen Schwätzchen, die ich mit ihm als meinem Zimmernachbarn in den letzten Jahren auf dem Institutsflur führte; und, und, und …

Wer Klaus nochmal im Video erleben möchte, sei auf seinen Gruß für die Alumni 2020 als Ersatz für die im Jahr 2020 wegen Corona ausgefallene Masterfeier hingewiesen (sein Auftritt auf YouTube: von Minute 18:37 bis 21:14).

Die akademische Welt hat einen großartigen Wissenschaftler verloren!

Ruhe in Frieden, lieber Klaus – du wirst fehlen!

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