Fremde Gedanken bei Stefanie Stahl

Wenn Studierende der ersten Semester mich fragten, warum die Ratgeber-Werke von Stefanie Stahl („Das Kind in Dir muss Heimat finden“ etc.) nicht auf meiner Literaturliste stehen würden, habe ich geantwortet: Bekanntheit hat nichts mit wissenschaftlicher Qualität zu tun. Dies scheint sich nun in unschöner Weise zu bestätigen.

Am Wochenende las ich in der „Süddeutschen Zeitung“ Nr. 202 vom 2.9.23 auf Seite 20 unter dem Titel „Fremde Gedanken“ einen Bericht von Felix Stephan über vermutete und nachgewiesene Plagiate bei „Deutschlands bekanntester Psychologin“ (so der Klappentext ihres Buchs). Die Bestsellerautorin Stefanie Stahl soll – nach einer in Auftrag gegebenen Analyse des Plagiatsjägers Stefan Weber (ja, sowas kann man kaufen!) – zahlreiche Stellen ihres neuesten Buches „Wer wir sind“ von anderen Autoren stillschweigend übernommen (u.a. vom verstorbenen Psychotherapieforscher Klaus Grawe) und nicht korrekt belegt haben.

Natürlich sind ihre Werke keine wissenschaftlichen Veröffentlichungen und Frau Stahl ist nicht an einer Universität beschäftigt. Von daher könnte man sagen: wo ist das Problem? Gilt für Ratgeber-Literatur etwa der gleiche Anspruch wie für ein akademisches Fachbuch? Ich halte eine Abgrenzung von populärer und wissenschaftlicher Veröffentlichung für Unfug: Natürlich sind populäre Werke (etwa Daniel Kahneman mit seinem Weltbestseller „Schnelles Denken, langsames Denken“, voll von belegten Zitaten) gerade deswegen so lesenswert, weil gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse durch Fachleute zusammengefasst und verständlich gemacht werden. Die Erfolge von Harald Lesch oder von Mai Thi Nguyen-Kim beruhen maßgeblich auf der Qualität ihrer Beiträge.

Die Qualitätskontrolle ausserhalb wissenschaftlicher Kontexte – das zeigt der Fall Stahl – scheint nicht zu funktionieren. Das hatte im letzten Jahr bereits der Fall des Heidelberger Historikers Edgar Wolfrum gezeigt, der für seine „Vorgehens- und Arbeitsweise“ im Kontext seines populärwissenschaftlichen Werkes „Der Aufsteiger“ von der Universität gerügt wurde. Nicht nur Faktenchecks, sondern auch Plagiatschecks sollten gute Verlagslektorate vornehmen (lassen). Und Studierende brauchen „kritisches Denken“ und sollen nicht alles glauben, was wir ihnen erzählen (oder was irgendwo zu lesen ist)…

Interessant ist, dass der ganze Vorgang von einer Psychoanalytikerin namens Diana Pflichthofer in Gang gesetzt wurde. Sie hatte einen fachlichen Fehler entdeckt, den sie schon in einem anderen Buch gesehen hatte und der von der Plagiatorin übernommen wurde. Stefanie Stahl weist alle Vorwürfe zurück und gibt an, dass die Nutzung der zitierten Stellen genehmigt sei. Der letzte Satz des SZ-Beitrags lautet allerdings: „Die Anwälte der Autorin haben angekündigt, die betreffenden Passagen in der nächsten Auflage des Buches „noch deutlicher“ zu kennzeichnen.“

Nachtrag 17.9.23: Im (nur per Paywall zugänglichen) Interview mit dem Trierer „Volksfreund“ äußert sich Stahl erstmals; zu den Vorwürfen, sich mit fremden Federn zu schmücken, schweigt sie allerdings. Der Plagiatsfinder Stefan Weber kommt inzwischen auf 37 Plagiatsfragmente.

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