Kunstpsychologie

Heute schreibe ich eine Rezension über ein Buch, das ich schon viel früher hätte lesen sollen – meine Kurse zusammen mit dem Kunsthistoriker Raphael Rosenberg (damals Uni Heidelberg, heute Uni Wien) hätten sicher davon profitiert! Wir haben damals (2008) nach längerer Vorarbeit einen SFB zum Thema „Cognition in art, music, and language“ beantragt (leider erfolglos) und nicht nur deswegen gemeinsame Seminare angeboten. Auch mit dem Ethnologen Jürg Wassmann hatte ich interdisziplinäre Seminare zum Thema „Kognitionsforschung aus Sicht von Ethnologie und Psychologie“ angeboten (siehe auch den Blogbeitrag von 2008).

Das Buch „Bildwechsel und Einbildung. Eine Psychologie der Kunst“ vom Kasseler Psychologen Ernst-Dieter Lantermann ist 1992 bei der edition q in Berlin erschienen, umfasst 124 Seiten und enthält 27 hochwertige (teils farbige) Abbildungen; es behandelt das Wechselspiel von Wahrnehmung, Imagination, Kunst und Bedeutungsentstehung. Vorgestellt wird – am Beispiel der Kunstwahrnehmung – eine Handlungspsychologie ganz eigener Art, ohne dass sie als solche gekennzeichnet wäre. Kein Wunder, dass wiederholt auf Boesch (1983) Bezug genommen wird.

Nach Angaben des Autors gehört das hier rezensierte Werk eindeutig zu seinen „Lieblingsprodukten“.

Das Buch ist in sieben Abschnitte gegliedert: nach einem kurzen Prolog widmet sich Kapitel eins dem Thema „Gefühl und Ordnung“, Kapitel zwei: „Das Ganze in Bewegung“, Kapitel drei: „Gerührt und unbewegt“, Kapitel vier: „Arbeit zur Einsicht“, Kapitel fünf: „Wiederholen der Bilder“; am Ende steht ein Epilog „Vergiss es“, ein „Streitgespräch über das Unmögliche“ zwischen neun Personen mit ganz unterschiedlichem Hintergrund (ein Museumsdirektor, ein Abfall-Experte, ein KI-Experte, ein Chirurg, ein Intendant, ein Soziologe, ein Psychologe, ein Psychotherapeut und ein Künstler – übrigens nur Männer, keine Frau). Es geht dabei vor allem um Vergessen.

Gleich der erste Satz legt das Thema fest: „‚Bildwechsel und Einbildung‘ handelt vom Sinn und Nutzen der Bilder für eine produktive Aneignung der Wirklichkeit.“ (Seite 1). Als inhaltlicher Kern lässt sich ableiten:

• Kunst entsteht nicht nur als fertiges Bild, sondern als Prozess des Sehens, Vorstellens und Deutens. Eine Ordnungsbildung findet immer statt (Selbstorganisationsprozesse).

• Lantermann betont die Wechselwirkung zwischen Idee, Material und überraschenden Entwicklungen im Arbeitsprozess.

• Zentral ist also die psychologische Frage, wie Bilder im Kopf, künstlerisches Material und ästhetisches Handeln zusammenwirken.

Der Kunsttherapeut Norbert Schütz (1999) schreibt über das Buch:

Lantermann (1992) beschreibt anschaulich die strukturelle Entwicklung von Vorstellungsbildern am Beispiel des ‘Stuhles’. “Mein Stuhl, auf dem ich als Kind im Winter vor dem Fenster saß und mich im Blick nach draußen warm und geborgen fühlte, wurde später abgelöst von anderen Stühlen, mit denen ich ganz andere Erfahrungen und Gefühle verband. Immer aber waren es Stühle, die mir heute als ‘reine’ Anschauung, frei von jeder besonderen Wertigkeit oder Emotionalität, verfügbar sind. Der Stuhl ist mir gleichgültig, ich habe ihn abstrahiert. Was aber keineswegs schon bedeutet, daß ich ihn in jeder Lage auch so denken könnte. Gefühle markieren die Spuren, die eine Erfahrung im Gedächtnis hinterläßt, und unter dem Einfluß intensiver Gefühle erinnern wir uns nicht abstrakt, sondern in leiblicher Wiederholung des Vergangenen: Der Stuhl am Fenster wird wieder ganz konkret imaginiert und damit auch die früheren Gefühle mehr oder weniger deutlich imaginiert” (1992, 101). Die strukturellen Aspekte von Vorstellungsbildern umspannen ein Spektrum, das mit leiblichen Erfahrungen, die von wahrgenommenen Bildern begleitet werden, beginnt und über sinnliche (empirische) Anschauungen bis hin zur reinen Anschauung im Sinne von Begrifflichkeiten reicht. Dabei scheint die Bildhaftigkeit von Vorstellungsbildern in einem besonderen Zusammenhang zum emotionalen Erleben zu stehen. …

Lantermann (1992) unterstreicht die Veränderung im Regulationsmodus, indem er schreibt: “Die Entstehung neuer, produktiver Ordnungen im Prozeß der Wirklichkeitsaneignung ist weithin an das Vermögen zur Selbststeuerung gebunden“ (1992, 29). Der Modus der Selbststeuerung entwickelt sich von der Selbstkontrolle zur Selbstorganisation mit dem Kennzeichen des Flusserlebens (Kuhl, 1996) “Innen und Außen, Analyse und Gefühl müssen in Balance gehalten werden, damit sich das Wechselspiel von Kontrolle und selbstüberlassener Wahrnehmung und Erkenntnis günstig entfalten kann. Allzu intensive Gefühle behindern den unvoreingenommenen Blick und zwingen alle Aktivität unter ihr Diktat. Ein Manko an Gefühl dagegen zerstreut unsere Aufmerksamkeit, verhindert überraschende Einsichten, da das spontane Wahrnehmungsgeschehen verebbt und nur das schon Gewußte, Geordnete ins Bewußtsein bringt“ (Lantermann, 1992, 29). Nach einem Abebben allzu starker Gefühlsintensitäten im Sinne eines karthartischen Abreagierens beim Messpainting [=eine Technik der Kunsttherapie, bei der man malt ohne nachzudenken, J.F.] kann der angesprochene, neue Regulationsmodus erreicht werden.“

Kurz gesagt: Das Buch ist eine lesenswerte psychologische Theorie der Kunstproduktion und -wahrnehmung, nicht eine klassische Kunstgeschichte (dazu empfehle ich das Buch von Gombrich 1995). Es baut auf der Hypothese auf, dass Wahrnehmung ein aktiver Prozeß der Sinngebung und Selbstorganisation ist. Noch einmal O-Ton Lantermann: „Im Wechsel von kontrollierter und spontaner, selbst organisierter Wahrnehmung strukturieren sich unsere Welt- und Selbsterfahrungen zu sinnhaften Ordnungen, auf die wir uns im Zuge unserer Wirklichkeitsaneignung beziehen können.“ (S. 21). Dabei spielen Gefühle eine wichtige Rolle, auch die Intuition ist beteiligt: „Intuitive Prozesse sind sinnliche, Erfahrungen gebunden und daher auch stets von Gefühlen begleitet und von deren Dynamik mitbestimmt. Heftige Gefühlswallungen aber, wie auch fixe Ideen, behindern die Entfaltung intuitiver Strategien beim Tun. Sie fixieren die Perspektive auf nur einen Blick und lassen so nur eine Ordnung zu, welche die Auflösung der irritierenden Lage oder Störung vorspricht.“ (S.45).

Auch die Ausführungen zum Thema „Kreativität“ (S. 75-88) haben mir gut gefallen: „Zumindest im geheimen feiern wir gerne den Genius, der mit einem Schlag und wie im Schlaf das Neue gebiert und ohne im Einzelnen zu wissen, woher – wozu auch. … Doch in den seltensten Fällen entsteht dabei etwas Kreatives: eine Lösung, eine Idee, ein Produkt, ein Bild, das über den Augenblick hinaus und auch für andere überraschende Einsichten bewirkt. Geduldig oder verzweifelt auf die innere Eingebung warten oder im Schaffensrausch den eigenen Genius feiern – zwei Varianten eines Missverständnisses, dem man durchaus mit Gewinn und daher gerne aufsetzt: der kreative Akt habe wenig mit Anstrengung, systematische Arbeit und überlegter Planung gemein.“ (S. 75).

Alles in allem: ein empfehlenswertes Buch für diejenigen, die sich für Kunst interessieren und dabei Psychologie relevante Einsichten gewinnen wollen. Der Text ist nicht gespickt mit Referenzen, aber die wenigen Angaben, die als Empfehlung zur Hintergrund-Lektüre gemacht werden, haben es in sich.

Literatur

Boesch, E. E. (1983). Das Magische und das Schöne. Zur Symbolik von Objekten und Handlungen. frommann-holzboog.

Gombrich, E. (1995). The story of art (16th ed.). Phaidon.

Kuhl, J. (1996). Wille und Freiheitserleben: Formen der Selbststeuerung. In J. Kuhl & H. Heckhausen (Hrsg.), Motivation, Volition und Handlung. Enzyklopädie der Psychologie, C, IV, Bd. 4. (S. 665-767).
Hogrefe.

Lantermann, E.-D. (1992). Bildwechsel und Einstellung. Eine Psychologie der Kunst. edition q.

Schütz, N. (1999). Emotionszentrierte Kunsttherapie — Psychologische Grundlagen und Perspektiven. Musik-, Tanz- Und Kunsttherapie, 10(3), 155–166. https://doi.org/10.1026//0933-6885.10.3.155

PS: Über ein anderes (unbedingt lesenswertes) Werk meines Freundes Ernst-Dieter Lantermann habe ich in einem älteren Blog (siehe hier) geschrieben.

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