Stock-Flow Failure zum Verschwinden gebracht?

In der Debatte um das Verständnis des Klimawandels gibt es das Phänomen des „stock-flow failure“ (SF-Fehler; siehe z.B. Cronin, Gonzalez & Sterman, 2009: „Why don’t well-educated adults understand accumulation? A challenge to researchers, educators, and citizens“, Link), wonach selbst gut gebildete Personen Schwierigkeiten damit haben, Zuflüsse und Abflüsse von Beständen richtig einzuschätzen. Typisches Beispiel wäre die Vermutung: Wenn wir morgen mit der CO2-Emission aufhören würden, ist dem Klimawandel Einhalt geboten, weil dann keine Emissionen mehr das Klima verschmutzen. Falsch! Der SF-Fehler besteht darin, den Bestand zu ignorieren. Wenn man bei seiner Badewanne den Hahn schliesst, hört der Wasserzufluss auf. Gut! Aber das in der Wanne befindliche Wasser wird dadurch erst mal nicht weniger. Dafür müsste man den Abfluss öffnen.

Selbst wenn wir morgen am Tag also alle Emissionen komplett einstellen würden, hätten wir über Jahrzehnte mit dem bereits akkumulierten Bestand und dessen schädlichen Auswirkungen zu kämpfen. Die Arbeitsgruppe um John Sterman (MIT System Dynamics Group) hat diesen Fehler vielfach nachgewiesen und damit eine Erklärung angeboten, warum Menschen mit dem Klimawandel nicht verantwortlich umgehen: sie können es nicht! Sie verstehen die Logik von Zuflüssen, Beständen und Abflüssen nicht richtig und handeln daher nicht adäquat.

In einer neuen Arbeit mit dem Titel „Improving Stock-Flow Reasoning With Verbal Formats“ argumentieren Helen Fischer, Christina Degen und ich, dass das Format der Befragung diesen SF-Fehler provozieren könnte und der SF-Fehler daher ein Artefakt der Erhebungsbedingungen ist. Wir können in unseren Experimenten nämlich einerseits die Befunde zum SF-Fehler reproduzieren, wenn wir unsere Testpersonen im Sterman-Stil befragen; andererseits können wir den Fehler zum Verschwinden bringen, wenn wir in einem leicht verändeten Stil (verbal) fragen. Ein sogenannter Format-Effekt: Die Art der Befragung legt das Ergebnis fest. Wir ziehen daraus den Schluss: Menschen verstehen stock-flow besser als gedacht, man muss nur die richtigen Fragen stellen 🙂 Das heisst aber auch: es gibt keine Entschuldigung dafür, in Sachen Klimawandel mit der Schulter zu zucken und auf das Unvermögen der Menschheit zu plädieren; es liegt nicht an mangelndem Verstehen, sondern an mangelndem Willen. Villeicht doch keine so gute Botschaft?

Hier sind unsere Überlegungen dazu nachzulesen: Fischer, H., Degen, C., & Funke, J. (2015). Improving stock-flow reasoning with verbal formats. Simulation & Gaming. doi:10.1177/1046878114565058 – Siehe auch: Fischer, H., & Gonzalez, C. (2015). Making sense of dynamic systems: How our understanding of stocks and flows depends on a global perspective. Cognitive Science. doi:10.1111/cogs.12239

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