Neue Psychologie des Alterns

Unser Alternsforscher Hans-Werner Wahl hat ein neues Buch geschrieben, das ich gelesen habe: „Die neue Psychologie des Alterns“! Für mich als älterer Mensch (Jg. 1953) ist es natürlich hochspannend zu lesen, was der ein Jahr jüngere Autor über die mir (und ihm selbst) noch bevorstehenden Jahre schreibt. Hier ein paar Angaben aus dem Klappentext:

Wir altern heute anders. Wir werden nicht nur deutlich älter als die Generationen vor uns, sondern das Älterwerden an sich „funktioniert“ heute ganz anders als noch vor 30 oder 40 Jahren. In unseren Köpfen spuken jedoch noch Bilder und Vorurteile vom Altern und Altsein herum, die längst keine Gültigkeit mehr haben. Was sind die Herausforderungen des höheren Alters heute? Wie muss sich unser Verständnis vom Altern in Zukunft ändern? Wie können wir uns ganz individuell gut auf das Alter vorbereiten?

Antworten auf diese Fragen gibt der renommierte Alternspsychologe Prof. Dr. Wahl in seinem Buch über die vielleicht vielschichtigste und komplexeste Phase unseres Lebens. Er zeigt darin, dass wir keine Angst vor dem Älterwerden haben müssen und wie wir uns aktiv darauf einstellen können. Anhand gesicherter Erkenntnisse aus Langzeitstudien (über mehrere Jahrzehnte), korrigiert er unsere hartnäckig negative Bewertung des Alters, und er zeichnet ein neues, differenzierteres Bild vom Älterwerden, das viele erstaunlich positive Facetten hat (z.B. Anpassungsfähigkeit, Ausgeglichenheit und seelische Gesundheit).

Hans-Werner Wahl stellt in seinem Buch neun Prinzipien der „Neuen Alternspsychologie“ (NAP) vor: (1) eine Lebensspannenorientierung, wonach zum Verständnis des höheren Alters der gesamte Verlauf des Lebens zu beachten ist; (2) ein differenzierter Entwicklungsbegriff, der für jede Phase Gewinne und Verluste beschreibt; (3) Entwicklung verläuft bis ins höchste Alter nicht gleichförmig, sondern höchst verschieden; (4) normales, krankhaftes und erfolgreiches Altern sind zu unterscheiden; (5) Altern ist von uns selbst gestaltbar; (6) „Die Alten“: das bedeutet drittes (=fortgeschrittene Erwachsene), viertes (=Beginn von Multimorbidität) und fünftes Alter (=terminale Phase); (7) Altern ist kontextuell eingebunden (z.B. Interaktionspartner, Pflegepersonen, Wohnsituation); (8) Altern ist stets auch historisch eingebunden; (9) Plastizität bis ins höchste Alter (selbst mit 90 Jahren kann durch ein Krafttraining der Rollator überflüssig werden).

Der umfangreiche Mittelteil seines Buches behandelt „Altern im Sixpack“. Dieses Sixpack beschreibt die Gewinne und Verluste in den Bereichen (1) des Wohlbefindens und der Emotionalität, (2) der geistigen Leistung, (3) der sozialen Beziehungen, (4) der Mobilität und des Wohnens, (5) der Technik und (6) der Gesundheit und Krankheit. In allen Bereichen können Stärken der Älteren ausgemacht werden, natürlich auch mögliche Einbußen.

Immer wieder betont der Autor sein Anliegen, dass wir uns nicht von negativen Altersstereotypen irreführen lassen sollten. Erfolgreiches Altern ist in vielen Formen möglich. Die Entwicklungspotentiale werden heute höher eingeschätzt, als es ältere (Labor-)Forschung vermuten ließ. Hier kommt auch ein Stück Kritik an einer nicht alltagsbezogenen Forschung zum Vorschein, die mir gut gefallen hat: Wenn im Labor bestimmte kognitive Einbussen gemessen werden, besagt das noch nicht viel für die Bewältigung des Alltags, wo kompensatorische Umstände helfen, etwaige Defizite auszugleichen (u.a. die „Kognitiven Reserven“).

Ein Buch also, das eine neue Sicht auf das höhere Lebensalter wirft: Ermutigende Einsichten, die das Älterwerden als Chance sehen und die zahlreichen Gewinne neben die unvermeidlichen Einbussen stellen. Mit einer derartigen Erkenntnis im Gepäck freue ich mich persönlich auf eine Lebensphase, die möglicherweise länger andauert als Kindheit und Jugend zusammen. Hans-Werner Wahl erweist sich als wahrhaft ökologisch orientierter Psychologe, d.h. als jemand, der die Umwelt und das natürliche Settting, in dem Phänomene zu sehen sind, ernst nimmt.

Insgesamt ein Buch, das sich sehr gut lesen läßt! Es ist nicht nur verständlich geschrieben, sondern trägt auch mit Nachdruck eine klare Botschaft vor: Lassen wir uns nicht vorschnell auf Alterstereotype ein, sondern bemühen uns um ein aktives, erfolgreiches Altern! Es gibt nicht nur Verluste, sondern auch Gewinne! Für mich war bereits die Lektüre dieses Buches ein Gewinn!

Quellenangabe: Wahl, H.-W. (2017). Die neue Psychologie des Alterns. Überraschende Erkenntnisse über unsere längste Lebensphase. München: Kösel. [Link zur Verlagsseite]

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